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Reformation & Bauernkrieg – Teil I: Die Vorgeschichte

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Die Vorgeschichte des Bauernkriegs: Von Leibeigenschaft, dem Bundschuh und der Urkunde von Ochsenhausen.

Der sogenannte deutsche Bauernkrieg im Jahre 1525 oder Revolution von 1525 gilt als die erste Revolution in Deutschland und erfasst auch Oberschwaben. Doch war es nicht Luther alleine, der mit seinen Thesen 1517 die Revolution in Gang brachte, es waren viele Menschen und viele Umstände.

Alte Karte Oberschwaben

Karte Oberschwaben im 16. Jahrhundert

In der Forschung ist der Begriff Bauernkrieg umstritten, da nachweislich auch Städte und andere Berufsgruppen Teil dieser Freiheitsbewegung waren. Daher gibt es auch die Begriffe wie die Revolution von 1525 oder die Revolution des gemeinen Mannes (und der gemeinen Frau). Der Ausdruck Bauernkrieg entstand erst Jahrhunderte nach deren Aufbegehren.

Die Vorgeschichte zum Bauernkrieg

Im 16. Jahrhundert machten sich die Menschen daran, die alten Strukturen des Mittelalters aufzubrechen. Die drei Stände: Adel, Geistliche und der große Rest, meist Bauern, bestimmten den Alltag. Der gemeine Mensch (Mann), hat nichts zu sagen. Und ist man verschuldet, muss man in die Leibeigenschaft – also Sklaverei. Die Abgaben zwangen viele in dieses Leben und dazu kamen Ernteausfälle zu dieser Zeit. Aber auch die Zeichen der Zeit standen auf Veränderungen.

In der Schweiz gab es schon im 13. Jahrhundert Aufstände des Bauernstands und 15. Jahrhundert nochmals gegen die Städte St. Gallen und Zürich. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts prangerte der Reformer, Jan Hus aus Prag, die Habsucht der Kirche an. Die päpstliche Antwort erhielt er darauf 1415, als er auf dem Konzil von Konstanz auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Auch in anderen Teilen Europas wuchs der Widerstand gegen die althergebrachten Regeln. In der Mitte des 15. Jahrhunderts verstärkt der Buchdruck die Entwicklungen.

Ein Glaube, der Wasser predigt und Wein trinkt, war dann auch Luther rund 100 Jahre später zuwider. Sein Hauptkritikpunkt war der Handel mit dem Ablass, wobei der Ablassbrief schon zuvor in anderer Form existierte. Wer seine Seele oder die der Vorfahren aus dem Fegefeuer befreien wollte, konnte gegen Geld Fürbitten erkaufen. Der Adel machte das Jahrhunderte lang auch in Oberschwaben, daher war das Patronat über eine Kirche so wichtig für die Leute damals – das implizierte auch Fürbitten.

Dann trat der sogenannte Pauker von Niklashausen auf den Plan, mit bürgerlichem Namen Hans Böhm. Er war vermutlich ein Schüler von Jan Hus. Der Wanderprediger Böhm verkündete die Gleichheit der Menschen und versprach Ablass von den Sünden – ohne Geld. Der Zustrom war so enorm, dass die Obrigkeit sich gezwungen sah, zu handeln. Er bekam Spenden in Form von Geld, aber auch Land. Bei einer Rede sollen 40.000 Menschen zugehört haben.

Ihm wurde schlicht Teufelsanbetung  vorgeworfen. Er wurde festgenommen und ins Schloss Würzburg gebracht. Die Anhängerschaft vor dem Schloss, die die Freigabe forderte, wurde gezähmt und entfernte sich. Die entstandene Wallfahrt nach Niklashausen, wo Böhm die Muttergottes Maria erschienen sein soll, wurde aber strikt untersagt. Der Prediger und ein Anhänger wurden 1476 auf dem Scheiterhaufen in Würzburg hingerichtet.

Der Bundschuh in Oberschwaben

Das und weitere Aufstände in der Schweiz führten zum sogenannten Bundschuh, dessen Ursprung wohl in Schlettstadt im Elsass zu finden ist. Das Symbol der Bauern, der Schuh, wurde an einen Stock gebunden und hochgehalten. Damit symbolisierte man sich selbst auf einer Stufe mit dem Adel, die ja gewöhnlich auf Pferden ritten und damit nicht nur symbolisch über dem Rest standen. Ein Symbol, nicht nur, aber vor allem für die Freiheit des Standes der Ärmsten im mittelalterlichen Oberschwaben.

Im Allgäu, wie beispielsweise bei Kempten oder auch bei Friesenhofen, gab es freie Bauern, die eigentlich auch gut dastanden. Doch auch sie kamen unter den Bann der Leibeigenschaft. Konnte man die Abgaben nicht leisten, war man in der Leibeigenschaft gefangen. Starb denn ein Leibeigener, auf den Tod entfiel eine Steuer oder zuweilen gar die Hälfte des gesamten Eigentums. Ein Todeszoll – quasi ein Ersatz für den Arbeitsausfall! Das war Geld, Tiere oder Kleidung. War dies nicht möglich, wurde das Land abgenommen und man war nur noch Pächter oder wie man damals sagte: Man bekam es zu Lehen. Die Angehörigen gingen damit auch in die Leibeigenschaft und waren sie auch nicht mehr frei. Unfreien konnte man Ver- und Gebote auferlegen. Das begann mit dem Verbot der freien Heiratswahl, denn damit konnte man die Zahl der Leibeigenen erhöhen. Nach alemannischem Recht waren Kinder von Unfreien auch unfrei. Während Kinder mit freien Personen ebenfalls frei waren. Diese Strategie der Kirche führte zu einem Heer von Unfreien.

Zur Legitimation legte das Kloster von Kempten ein vermeintliches Dokument von Karl dem Großen vor – gut, dass die meisten Menschen nicht lesen konnten und auch kein Latein verstanden. Daher suchte man sich einen Verbündeten unter den Adeligen: Graf Wilhelm von Montfort-Tettnang. Der Abt des Klosters von Kempten seinerseits ging zum Herzog Ludwig von Bayern. Dessen Gericht befand, dass die Bauern sich nicht an den Grafen von Montfort-Tettnang wenden dürfen. Auch ein anderer Fürsprecher wurde mit erfundenen Geschichten über die Herkunft der Ländereien, was der Abt beeidete, per Dekret des Papstes verhindert. Und der Kaiser verfügte, die Bauern dürfen nicht wegziehen. Kirchenbann, Gefängnis und Sippenhaft waren die Zwangsmittel der damaligen Zeit.

Dann kam ab 1489 die „Große Teuerung“, die Getreidepreise stiegen zum Teil über 500 Prozent an. Zum Vergleich: als würde ein Brötchen plötzlich rund 100 Euro kosten! Der finanzielle Druck durch Abgaben und Verschuldung ließ das explosive Gemisch explodieren. Die Bauern wählten Jörg Hug von Untereasried zum Hauptmann und bewaffneten sich. Es kam zu Verhandlungen und einer neuer Fürbitter wurde gewählt, den der Abt von Kempten liquidieren ließ.

Kurz darauf verschärfte sich die Situation, denn der Schwäbische Bund sammelte seine Söldner und wollte militärisch aufräumen. Die Rädelsführer wurden eingesperrt und die Güter aller Bauern eingezogen. Andere flüchteten in die Schweiz – damit waren die Klagen der Bauern geklärt. Der Schwäbische Bund, bestehend aus dem schwäbischen Hochadel, der Fürsten und der Reichsstädte, war vor allem eine Eingreiftruppe – ab 1521 die gefürchtetste Gewalt im Reich zur Sicherung des Reichsfriedens.

Mit diesem Vorgang verbreitete sich auch der Begriff Bundschuh mit seinen Implikationen in Oberschwaben. Weitere Bundschuhaktivitäten fanden sich zu Beginn des 16. Jahrhunderts in Untergrombach und Bruchsal und im Breisgau, mit dem Ruf nach der Abschaffung der Leibeigenschaft mit demselben Initiator wie zuvor, aber mit radikaleren Forderungen, wie die Gerichtsbarkeit am Wohnort oder dass die Kirche nur über Geistliches richten darf.

So waren es m. E. vor allem die wirtschaftlichen Belange, die die Bauern rebellieren ließen. Derart waren auch die Juden als Geldverleiher das Ziel der Aufständischen. Die Bundschuhler forderten ein Jubeljahr, also einen Zeitpunkt, an dem alle Schulden gestrichen werden. Auch das Ende der Gerichtsbarkeit der Geistlichen war eine Forderung, die mit zivilen Gerichten ersetzt werden sollten.

Im Jahr 1499 gab es einen Krieg zwischen der Schweiz, seit dem 13. Jahrhundert Eidgenossen, und Schwaben, wobei der Adel nördlich des Bodensees deutlich verlor. Schnell waren die Eidgenossen vorgedrungen und kamen unter anderem ins Hegau, westlich des Linzgaus. Dies verstärkte die Verbreitung der Idee von Freiheit und Selbstständigkeit.

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Adel und Kirche über den Bauern – erkennbar in jeder Kirche

Die Urkunde von Ochsenhausen

Die Reichsabtei Ochsenhausen trug auch ihr Scherflein zum Hass gegen die Geistlichkeit bei, jedoch kam man ohne Waffeneinsatz aus. Auch hier bediente sich das Kloster der Zinsfälligkeit, um an Grundstücke zu kommen. Ein Bauer, Georg Hahn, wehrte sich und legte formellen Protest ein, was den Abt in Ochenshausen besonders erzürnte; vor allem weil er den Prozess verlor und Hahn entschädigen musste. Doch das holte man bei der nächsten Generation wieder rein, indem man denen erzählte, dass es gar nicht deren Besitz wäre. Und neue Steuern wurden als althergebracht deklariert. Wie gesagt, die Menschen damals konnten kaum lesen und der Tod kam plötzlich.

Die Vorfälle, dass die Leute vor Gericht zogen, häuften sich, wie auch 1502 bei Heinz Dinkmuth aus Ochsenhausen bei einem Prozess in Ulm. Die Machenschaften des Klosters kamen zu Tage und der Abt verlor ein weiteres Mal. Vielleicht einmal zu oft, denn seine Ordensbrüder entsagten ihm die Gefolgschaft. Sie sollen sogar mit Waffengewalt gedroht haben. Der damalige Abt aber war auch Adeliger im Schwäbischen Bund, dessen Krieger ihm zur Hilfe eilten.

Mit dem Ass im Ärmel wurde verhandelt und ein Vertrag mit vier Bedingungen wurde erstellt: Erstens, die Bauern entschuldigen sich untertänigst beim Abt von Ochsenhausen. Zweitens: Man huldigt dem Abt. Drittens: 300 Gulden Kostenerstattung werden bezahlt. Viertens: Der Verein der Bauern wird aufgelöst. Dafür gab der Abt die Güter zurück, die er (schon damals) illegal eingezogen hatte. Jedoch behielt man die Besteuerung bei, sie wäre verjährt. Ja, die Rechtslage bevorzugte den Adel und die Kleriker.

Der Arme Konrad und die Not der Zeit

Nicht nur Oberschwaben und im Allgäu waren die Bauern auf ihre Rechte bedacht. Auch in Ungarn schwelte ein Konflikt der zu Beginn des 16. Jahrhunderts ausbrach. Und im Norden, im Württembergischen, entstand der Geheimbund „Der Arme Konrad“. Während der Herzog von Württemberg die Feudalherrschaft genießt, sammelten sich die Bauern 1514 zum bewaffneten Widerstand. Die Bauern verloren.

Auch hier gab es einen Vertrag, den Tübinger Vertrag von 1514, der etwas anders ausfiel. Freiheit gegen Geld, so wollte der Herzog seine immensen Schulden tilgen. Das betraf allerdings nicht den Armen Konrad, der geköpft wurde. Später wurde mit dem Erlös aber eine Söldnerarmee organisiert, die die Bauern nochmal aufmischte und es rollten weitere Köpfe.

Der Adel und die Geistlichkeit lebten weiterhin in Saus und Braus, während die Mehrheit der Menschen kaum genug zum Leben produzierte und hohe Abgaben machen musste. Doch auch der Adel hatte eigentlich zu wenig Erlöse, um „angemessen“ zu leben.

Vor allem aber der Krieg der Adeligen kostete viel Geld, insbesondere das Schwarzpulver für Musketen und Kanonen. Ohne diese Waffen ist im 16. Jahrhundert kein Krieg mehr zu gewinnen. Außerdem waren die Zerstörungskosten dadurch hochgegangen. So beendete man auch den Bau von Burgen, da die Artillerie sie sowieso zerschossen.

So ähnlich erging es auch dem Ritter, er war überflüssig geworden. Die Ritter, meist der niedere Adel, waren arbeitslos und gingen nicht selten plündern – die sogenannten Raubritter entstanden. Der bekannteste war Götz von Berlichingen, der später noch eine Rolle im Krieg übernehmen wird. Sein Ausspruch, von Goethe bearbeitet, bleibt wohl für die Ewigkeit: „Er möge mich von hinten lecken!“, was auch als der „Schwäbische Gruß“ bekannt ist.

Es war auch der Buchdruck und damit allerlei Flugblätter, die im Dienste der Bauern gedruckt wurden, und die Meinung der Bevölkerung wandelte. Und dann war da noch die Übersetzung der Bibel ins Deutsche durch Martin Luther. Damit konnten die Leute nachlesen, was in der Bibel steht und wo der Grund für die Abgaben stehen, welche die Obrigen erwarteten. Denn man hatte immer darauf verwiesen, dass es ja in der Bibel stehen würde. Praktisch nur, dass es niemand lesen konnte und selbst wenn, war es auf Latein. Nun aber konnte man es prüfen, was die Geistlichkeit in eine peinliche Lage brachte.

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