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Reformation & Bauernkrieg – Teil II: Luther, Müntzer & die Bauernverfassung

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Wer waren die Hauptakteure im Bauernkrieg und der Reformation? Und wie war ihre Wirkung in dieser Zeit?

500 Jahre nach der Reformation und des sich daran anschließenden Bauernkrieg (Revolution von 1525) ehrt man vor allem Luther. Aber es waren mehr Akteure für diese Bewegung verantwortlich, die letztlich in Waffengewalt endete. Im ersten Teil wird die Vorgeschichte des Bauernkrieges und der Reformation beschrieben.

Zwingli Prediger mit Schwert

Prediger mit Schwert

Dieser Beitrag handelt von den Akteuren, wie Luther und vor allem Müntzer, und der ersten demokratischen Verfassung in Europa vor der ersten Revolution in Deutschland.

Thomas Müntzer & Bauern

Martin Luther gilt als Vater der Reformation und Gründer der evangelischen Kirche. Seine zweifelsohne größte Tat war die Übersetzung der Bibel vom Lateinischen ins Deutsche. Damit hatten alle Menschen die Möglichkeit, selbst die Bibel zu lesen. Bis dato haben die Menschen die Bibel nur von den Geistlichen vermittelt bekommen, die sich auf allerlei darin beriefen.

So waren es die Klöster, die viele Bauern um ihre Ländereien brachten und die Steuern mit Verweis auf die Bibel erhöhten. Sie waren zumeist auch die einzigen die lesen und schreiben konnten, so erfanden sie alte Urkunden, um den Bauern noch mehr abzuluchsen. Doch die Bauern wehrten sich und zogen vor Gericht. Immer mehr verbreitete sich der Wunsch nach Recht und Freiheit und die Bauern organisierten sich.

Als Luther dem Adel das quasi göttliche Recht gegeben hatte, auf die Bauern „dreinzuschlagen“, stellte sich ein Prediger auf die Seite der Bauern. Es war Thomas Müntzer, ein Prediger aus Thüringen, der sich konsequenterweise auf die Seite der Bauern gestellt hat, während Luther wohlbehütet das Gemetzel abwartete. Der niedrigste Stand im Reich war Luther egal, obgleich er es oftmals das Gegenteil behauptete. In der Anfangszeit der evangelischen Kirche gab es genauso Steuern und Leibeigene wie unter den katholischen Gotteshäusern.

Zu dieser Zeit gab es auch die Bewegung der Wiedertäufer, die zu den Wurzeln der christlichen Gemeinschaft zurückkehrte. Diese Gemeinschaftsform würde man heute wohl als Kollektiv oder Sozialismus bezeichnen.

Dank des Buchdrucks kursierten vor allem in den Jahren von 1521 bis 1524 etliche Flugblätter, die die revolutionären Ansprüche verbreiteten. Die religiösen und politischen Sphären der damaligen Zeit vermischten sich zusehends. In diesem Gemisch kommt Thomas Müntzer in das Licht der Geschichte. Er studierte in Wittenberg und Leipzig, die Hauptorte der lutherischen Reformation.

Müntzer, so auch seine Zeitgenossen, war in der Bibel sehr bewandert. Ab 1520 war er Prediger in Zwickau, wo er heftiger als zuvor gegen die Unterdrückung der Bauern aufbegehrte. Später wetterte er auch gegen Luther, dem er vorwarf, selbst Papst werden zu wollen. Für Müntzer sollte die Kirche nicht prachtvoll sein, sondern arm – genau wie Jesus. Wandern und predigen statt Korruption, Unrecht und Unfreiheit zu verursachen. Der aufwendige Kirchenbau verschlang einen hohen Anteil der Kosten, wofür man auch den Ablass nutzte. Die Bibel, so Müntzer, müsse mit der Vernunft interpretiert werden.

Über Umwege, wie in Prag, wo er die Fürstenpredigt hielt, gelangte Müntzer 1524 nach Mühlhausen in Thüringen, wo er zusammen mit Heinrich Pfeiffer, einem Mönch, an der Verbreitung seiner Lehre arbeitete. Schon nach einem Monat gemeinsamer Arbeit entwickelte man elf Artikel, die die Ordnung regeln sollten – basierend auf der Bibel. Leider sind sie nicht erhalten, da sie verbrannt wurden.

Bauernverfassung in Memmingen – Oberschwäbische Eidgenossenschaft

Auch die Bauern in Oberschwaben, rund um Memmingen, hatten das bewerkstelligt, was auch Müntzer machte: Sie formulierten die erste schriftliche Verfassung Europas, abgeleitet von der Bibel. Sie versammelten sich im März 1525 und bestimmten zwölf Artikel, die die Rechte der Menschen bestimmten.

Im Ringen gegen die höheren Stände, vertreten durch den Schwäbischen Bund, trafen sich drei sogenannte Haufen (bewaffnete Ansammlung von Bauern) zur Beratung. Sie nannten sich die Christliche Vereinigung der Bauern oder Oberschwäbische Eidgenossenschaft und hatten rund 50 Mitglieder. Schon nach zwei Wochen verkündeten sie ihr Programm – im Vergleich zu heute?!

Die 12 Artikel waren:

1. Wahlrecht des Pfarrers und das Recht ihn abzusetzen.
2. Der Pfarrer soll von der Steuer bezahlt werden, dem großen Zehnten. Diese Steuer musste auf Getreide und Vieh gezahlt werden. Der kleine Zehnt, für Früchte und Kleinvieh, sollte abgeschafft werden.
3. Die Abschaffung der Leibeigenschaft (Sklaverei qua Verschuldung).
4. Das Recht auf Jagd und Fischerei,
5. Wälder der Gemeinde, die enteignet wurden, sollen wieder zurückgegeben werden,
6. die Reduktion von Frondiensten (Pflichtarbeit),
7. keine Verlängerung der Frondienste,
8. kann die Steuer nicht erwirtschaftet werden, sollen ehrbare Leute den Betrieb bewerten,
9. die Gerichtsstrafen sollen dem Verbrechen entsprechen und nicht willkürlich gefällt werden,
10. Rückgabe von Land der Gemeinde,
11. im Falle des Todes soll keine Steuer mehr entrichtet werden,
12. eine Widerlegung dieser Artikel kann nur durch die Bibel geschehen. Gesetze die dem Artikel widersprechen, sollen ungültig sein. Und es können weitere Artikel hinzugefügt werden, sollten sich aus der Bibel welche ergeben.

Woher die Artikel so schnell kamen, ist nicht geklärt. Manche sagen, aus gesammelten Gerichtsurteilen der Memminger Bauern, andere verweisen auf die Bundschuh-Bewegung, vielleicht war es auch dank der Vorarbeit von Müntzer im Mühlhausen. Jedoch ist eine gewisse Ähnlichkeit mit der US-amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 zu erkennen.

Luther bezeichnete die zwölf Artikel als Schande vor Gott und lehnte auch den Aufstand der Bauern ab, vor allem als ein hoher Adeliger dabei ums Leben kam. Müntzer hingegen hieß diese Entwicklung willkommen und nahm an der Verbreitung der Schriften teil.

Müntzer war inzwischen zum Anführer avanciert und sie zogen nach Franken. Er suchte nach Bündnispartnern und wollte ein Netzwerk aufbauen. Die Bauern bei Bamberg und bei Nürnberg gingen in die Städte und wollten die Artikel umsetzen, sei es mit Gewalt. Der Markgraf Kasimir von Ansbach sammelte Truppen samt Kanone und wollte der Meute entgegentreten. Die Bauern verteilten sich auf der Flucht davor. Die Stadträte beschwichtigten die Bauern, doch kurz danach wurden einige hingerichtet.

Zuspitzung der Zustände & erste Kämpfe

Während die Bauern, angestachelt durch die Reformation Luthers, aufbegehrten, erhöhte die Obrigkeit den Druck auf die Bauern. Mehr und härtere Abgaben sollten deren Reichtum mehren und die Bauern züchtigen. Außerdem mussten die Bauern die Ausgaben für den Schwäbischen Bund leisten, der sie später vernichten wird. Besonders bitter war es vermutlich für die Ärmsten, die den Prunk und das ausschweifende Leben der Mönche betrachteten. Das waren Menschen, die noch nie in ihrem Leben satt waren, wie es in den alten Texten steht. Und die Pest ging um und forderte etliche Opfer. Allein in Memmingen forderte die Pest dieser Tage 1.600 Menschenleben in zwei Jahren.

Besonders heftig war der Abt in Kempten, der in den 1520er Jahren nicht nur unlautere Steuern forderte, sondern die Forderungen mit Gewalt durchsetzte. So wollte er einen der Bürgerlichen, der eine Adelige heiratete und damit Inhaber des Schlosses Illerberg war, verbieten, das Schloss zu verkaufen. So kerkerte er ihn ein und forderte das Anwesen samt seiner adeligen Frau. Dieser weigerte sich und versuchte zu flüchten, wobei er stürzte und später an den Verletzungen verstarb. Am Morgen danach nahm der Abt das Schloss Illerberg ein. Auch einem Müller drohte der Abt, die Mühle niederzubrennen, oder forderte Schutzgelder von anderen. Wer sich über den Abt lustig machte oder gegen die Anweisungen handelte, konnte alles verlieren: Hof, Familie und Leben.

Im Jahr 1523 gab es die ersten Ausschreitungen der Bauern, die es nicht mehr aushielten. Sie sammelten sich und bedrängten die Klöster. So war es in Elchingen und in (Bad) Schussenried. Im April 1524 verweigerten die Bauern in Marchtal die Leibeigenschaft und forderten Freiheit. Ab diesem Sommer weigerten sich nicht nur viele Bauern, ihre Abgaben zu leisten, sie trafen sich auch heimlich zu konspirativen Treffen.

Ulm 16 Jahrhundert

Ulm im 16. Jahrhundert

Im Sommer 1524 baten die Menschen von Leipheim an der Donau, das zur freien Reichsstadt Ulm gehörte, um Steuernachlass, was abgelehnt wurde. Es wurde berichtet, dass ein Mann aus Ulm Leibeigene von seinem Hof getrieben haben soll, weil sie die Abgaben nicht leisten konnten.Von den Untertanen des Grafen von Fürstenberg hörte man, sie sollen neben der Arbeit noch Schneckenhäuser suchen (zum Garn wickeln). Daraus erhob sich ein Aufruhr und im Juni führte Hans Müller rund 1.200 Bauern unter dem Banner Schwarz-Rot-Gelb. Zunächst schrieben sie Geheimbotschaften in alle Ecken des Reichs und zogen weitere Menschen an. Sie sammelten sich im Hegau und Linzgau.

Während man von Seiten des Schwäbischen Bundes zunächst verhandelte, zog man Militär zusammen. Ein Gericht sollte im Oktober angerufen werden, was die Bauern schon zu häufig vergeblich taten. Dies war nur ein Vorwand, um Zeit zu schinden. Aber die Bauern erhöhten ihre Schlagkraft mit Gesinnungsgenossen aus der Schweiz. So sammelten sich rund 4.500 Mann zum Kampf, allerdings nur mit Heugabeln und Äxten bewaffnet. Doch gelang es dem Schwäbischen Bund, die Bauern zu beruhigen, und als der Winter kam, zerstreute sich das Aufgebot. Das Gericht zu Stockach hatte noch nicht entschieden.

Müntzer in Oberschwaben

Wer in seiner Heimat nicht mehr sicher vor politischer Verfolgung war, der kam an den Bodensee und den Hochrhein. So taten es viele, die entweder vor den Evangelischen oder den Katholiken flüchteten. Der Ruf des Bundschuhs zog die Leute an. So zogen vor allem viele Prediger durch Oberschwaben, alle nach Süden. So kam auch Müntzer nach Oberschwaben.

Die Stadt Nürnberg hatte ihn ausgewiesen und so zog es ihn ins Hegau, vermutlich in Begleitung mit Pfeifer. Mit der Verkündung des Evangeliums auf Deutsch zürnten die Bauern noch mehr. Es wurde klar, dass sie über Generationen hinweg von den Geistlichen ausgenommen wurden und davon kein Wort in der Bibel stand.

Wo Müntzer sprach, kamen die Leute zusammen und astronomische Ereignisse sollen sich zugetragen haben, was zeigt, wie überdreht die Leute durch die Anwesenheit Müntzers waren. Er sprach auch nicht nur in den Kirchen Oberschwabens, auch auf den Feldern und den Dorfplätzen. Er war fünf Monate im Ländle. Er hatte auch deswegen großen Zulauf, weil er schon in Allstedt begann, den Gottesdienst komplett auf Deutsch abzuhalten.

Er kritisierte auch die Missstände in der Kirche, nicht nur beim Adel. Auch ein Pöstchen im Vatikan war gegen Geld zu haben. Luther und Müntzer (auch Hus, Zwingli oder Pfeifer) waren sich darin einig. Luther wollte aber nie die Konsequenz seiner Reformation tragen. Die evangelischen Kirchen, die zu Luther standen, hatten selbst Leibeigene und brauchten die Einnahmen durch die Steuern. Auch wollte Luther die Ständeordnung gar nicht ändern, was aber die Konsequenz seiner eigenen Aussagen gewesen wäre. Luther und Müntzer sehen keinen Bedarf für eine Vermittlung von Mensch und Gott. Es braucht also keine Kirche, was den Allmachtsanspruch des Vatikans in Frage stellte. Luther distanzierte sich von den rebellierenden Bauern und deren Waffengewalt. Müntzer zog mit den Bauern in die Schlacht. Luther verkündete noch 1525 den Bauern gegenüber:“ Seid Untertan der Obrigkeit!“

Müntzer war konsequent, während Luther sich auf die Macht der Fürsten lehnte, die er nicht in Frage stellte. Müntzer war wohl der größere Reformator. Luther warnt die Fürsten auch vor Müntzer und bezeichnet ihn als „Satan von Allstedt“, vielleicht auch aus Angst vor einer Konkurrenz der Lehre. Müntzer hatte ja bei der berühmten Fürstenpredigt 1524 versucht, den Adel auf seine Seite zu ziehen, allerdings ohne Erfolg.

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