1331 – Die Waldseer ziehen nach Österreich
Warum haben die Herren von Waldsee im Jahr 1331 alles verkauft und sind nach Österreich übergesiedelt?
Zu Beginn des 14. Jahrhunderts war Oberschwaben – und das wird noch Jahrhunderte so bleiben – in viele kleine Territorien zersplittert. Einen übergeordneten Herzog gab es in Schwaben schon seit dem elften Jahrhundert nicht mehr. Die Ländereien haben der Adel, die Klöster und die freien Städte unter sich verteilt – dazu gehörte auch das auf dem Land ansässige Personal. Zuweilen als Leibeigene, aber ansonsten wirtschaftlich und rechtlich dem Grundherrn ausgeliefert. Nur wenige Bauern waren wirklich frei und die traf man vor allem im Allgäu an.
Während die Städte noch im Aufstreben befindlich sind, greifen sich die Grafen in Schwaben immer mehr das Land unter den Nagel. Bekannte Häuser waren: Werdenberg, Veringen, Zollern, Kirchberg, Helfenstein, Königsegg, Schellenberg, Montfort und besonders Waldburg. Die Waldburger Macht erfasste weite Teile Oberschwabens, ob als Grundherr, als Vogt oder als Pächter. Sie zwangen das Land notfalls mit Gewalt unter ihre Knute und standen oftmals in Konflikt mit Klöstern und Städten. Ihre Vorgehensweise war sowohl ökonomisch klug als auch rücksichtslos. Das exemplifiziert sich auch durch Georg III von Waldburg, genannt Bauernjörg – und zwar nicht aus Sympathie. Auch Waldsee wird bald zu ihrem Besitz gehören. Denn sie verstanden sich gut mit dem Haus Habsburg, das sich in jenen Tagen zu einem der einflussreichsten Häuser in Europa mauserte und ständig in Geldnot war.

Und die Welt begann sich zu verändern: Vom Hoch- zum Spätmittelalter
Der Stand des Ritters, der niederste Adel, begann sich zu wandeln. Sie waren für Jahrhunderte ein fester Bestandteil der militärischen Stärke, die durch die technische Weiterentwicklung leicht vom hohen Ross zu holen war. Ritter waren behäbig und teuer. Eine Kanonenkugel schoss sie leicht vom Ross – ein Gewehr erst recht. Die Burgen, die Ritter – es endete im Spätmittelalter allmählich.
Und der hohe Adel rümpfte nicht selten die Nase über diesen Stand, der seit dem 11. Jahrhundert gleichwohl für die Verwaltung der Ländereien benötigt wurde. Damals waren sie noch Unfreie, die über die Zeit Einfluss und Freiheit gewannen. Sie erhielten besondere Rechte, worunter beispielsweise die Gerichtsbarkeit, die Fischerei oder die Abgabenerhebung zählten.
Im Krieg dienten sie als Panzerreiter und in Friedenszeiten verwalteten sie als Ministeriale (Diener) die Güter des Grundherrn.
Die Herren von Waldsee im Hochmittelalter
Die Herren von Waldsee (auch die Herren von Wallsee, Walchsee, Walse oder Waldze) sind aus dem Stand der Ritter. In den Urkunden tauchen sie erstmals 1288 mit Eberhard von Waldsee auf. Sie waren Ministeriale, also Diener des hohen Adels – was zunächst Welfen und danach die Staufer waren. Doch 1250 fallen die Staufer als zentrale Macht aus. Die Waldseer orientieren sich an den Habsburgern, mit denen sie sich ausgezeichnet verstehen.
Sie dienten als Ritter im Krieg, sie beteiligten sich an Fehden und verwalteten die ihnen unterstellten Güter. Mutmaßlich standen sie auch mit den Waldburgern in lehnsherrschaftlichem Kontext. Gesichert ist eine Heirat zwischen Eberhard III und Adelheid von Waldburg im Jahr 1251.
Die Herren von Waldsee trieben die Abgaben ein, sie sprachen Recht und waren fest vernetzt im Ritternetzwerk Schwabens. Der Graf von Waldburg stand über ihnen. Womöglich ergaben sich auch mit ihnen Spannungen wegen ausgebliebener Pacht. Besonders das neue bürgerliche Selbstbewusstsein könnte an der ritterlichen Ehre gekratzt und den wirtschaftlichen Druck erhöht haben. Die Klöster, wovon Waldsee drei hatte, steigerten ebenfalls ihre Macht und dehnten ihre Ansprüche aus. Die Ritterschaft allgemein, so auch die Herren von Waldsee, standen in Konflikten und das zunehmend an Bedeutung gewinnende Geld war ebenfalls Mangelware.
Die Städte hingegen konnten sich mit ihrer wirtschaftlichen Macht ganze Dörfer und Felder einverleiben. Die Könige und Kaiser jener Tage achteten ebenfalls bereits auf das Geld und die Städte unterstanden dem Reich – also dem Kaiser. Diese Städte machten dem Adel nicht nur das Land, sondern auch das Personal abstreitig – denn ‚Stadtluft machte frei‘. Bald werden diesem Motto auch einige Adelige folgen – vor allem wegen der Wirtschaftlichkeit.
Burgen, Stadtrecht und die Finanzlage
Die Herren von Waldsee residierten zuerst auf der ehemaligen Burg über dem Stadtsee – dort, wo heute die evangelische Kirche steht. Doch um das Jahr 1300 etablierte sich eine Burg am See, dort wo heute das Schloss steht.

Der Neubau lässt einige Interpretationen zu. Zum einen ist ein solcher Umzug mit enormen Kosten verbunden, was in erster Linie die einfachen Leute bezahlten. Andererseits musste auch der Adel den Gürtel enger ziehen. Der Schutz der Anhöhe wurde mit einer Wasserburg ersetzt, was die Kosten aber langfristig senkte. Und es erneuerte das Prestige enorm, schließlich konnte man sich was leisten.
Zum anderen war es aber vermutlich auch ein gestiegener Anpassungsgrund, denn die Zeiten änderten sich. Und der Konkurrenzkampf war enorm – da musste man sich auch behaupten können. Auch die Wirtschaft änderte sich und der Marktplatz war von enormer Bedeutung. Die Burg könnte den Schutz des Marktplatzes dienen. Das würde auch Eindruck auf die Stadt machen. Denn 1298 erhielt Waldsee das Stadtrecht, was das Recht der Herren von Waldsee schmälerte.
Womöglich drängten die Bürger Waldsees auch zur Aufgabe des Burgplatzes oberhalb der Stadt. In Ravensburg baute man den Mehlsack, um in die Veitsburg des Adels schauen zu können. Vielleicht beteiligten sich die Bürger Waldsees an den Kosten für den Neubau oder die Handwerksrechnungen überstiegen das Vermögen der Herren von Waldsee.
Vielleicht, und darüber gibt es wie bei der Burg Kißlegg Belege, war der Umzug einfach der Bequemlichkeit geschuldet, nicht mehr den Berg hinauf zu müssen.
Als die Waldseer 1331 ihrer Heimat den Rücken zu kehrten, war ihre Stammburg am See jedenfalls bereits errichtet.
1331 Die Herren von Waldsee verlassen Waldsee
Die Widerstände gegen das Rittertum, und damit gegen die Herren von Waldsee, waren beachtlich. Der wirtschaftliche Niedergang vor dem Hintergrund des eigentlich prosperierenden Handelswegs durch Waldsee verlangte eine Lösung; zumal die Klöster, die Städte und die Grafen ringsum aufstiegen.
Einige Adelige verkauften an Städte, andere an reiche Kaufleute. Das Schloss Ummendorf oder Schloss Illerkirchberg kauften die Fugger im 16. Jahrhundert, die aber im 14. Jahrhundert noch nicht bekannt waren. Die reichen Kaufleute bezahlten die Schmiergelder für die Ämter und den Krieg, den führte vor allem der Kaiser. Um das Geld aufzutreiben, war die Vergabe von Lehen das einfachste Mittel. Die Waldburger konnten derart weite Teile Oberschwabens an sich binden. Die Herren von Waldsee hatten dieses Mittel nicht.
Um das Jahr 1330 erhielten die Ritter ein Angebot, das die Probleme lösen sollte. Die Habsburger waren das aufsteigende Adelsgeschlecht, das später auch lange den Kaiser stellen wird. Im 14. Jahrhundert suchten sie vor allem nach Verbündeten, auch in Oberschwaben.
Die Herren von Waldsee stellten sich in den Dienst des Habsburgers Albrecht II von Österreich. Sie erhielten dafür Pfandherrschaften, also Gebiete im Habsburger Machtbereich. Das Schloss Wallsee (in Österreich) an der Donau wurde ihr neues Domizil. Zum neuen Besitz gehörten auch beispielsweise die Burgen Waxenberg, Freudenstein oder Ottensheim. Sie gründeten in den nächsten Jahrhunderten Klöster und vermehrten Besitzungen in Niederösterreich und der Steiermark.
Die Söhne des Hauses Waldsee (Wallsee in Österreich) werden vier erfolgreiche Linien schaffen: Linie Wallsee-Linz, Linie Wallsee-Enns, Linie Wallsee-Graz und Linie Wallsee -Drosendorf. Sie werden die höchsten Ämter gehievt – vom Erbtruchsessen zum Erbmarschall bis hin zum Erbkämmerer und sie beerben den wichtigen Adel der Herren von Duino mit Gütern an der Adriaküste. Im Laufe der Jahrhunderte erwerben sie etliche Burgen, Güter und Ländereien. Aus wirtschaftlicher Sicht war die Übersiedlung nach Österreich positiv für die Herren von Waldsee.

