Alemannen und Franken III: Politisches Christentum und das Ende Alemanniens

Wir befinden uns im frühen Mittelalter – im 5. & 6. Jahrhundert. Die Franken schicken sich an, die Vorherrschaft in Europa zu erobern. Die Franken besiegten die Alemannen in mehreren Schlachten und wurden ausgerechnet dadurch zu Christen. Die geschlagenen Alemannen wehrten sich weiter – aber ohne Erfolg.

Ihre Herkunft aus dem Norden und ihre vielfach unterschiedlichen Stammeszugehörigkeiten machen die Franken und die Alemannen kulturell sehr ähnlich. Aber im 3. Jahrhundert änderten die Franken den Kurs. Sie ordneten sich den Römern unter und etablierten ein Königtum. Die Alemannen bestanden traditionell aus einem losen Bund. Es war – wie der Name sagt – ein Sammelsurium unterschiedlichster Leute, vereint vom Wunsch auf ein besseres Leben in Freiheit. Die Alemannen hatten, anders als die Franken, kein Königtum. Sie standen im Krieg zusammen, beteten dieselben Götter an – aber sie waren keine Untertanen.

Das änderte sich ab dem 6. Jahrhundert. Die Franken besiegten die Alemannen und unterwarfen immer mehr Stämme. Die Provinzen mussten den Franken Abgaben leisten, das umfasste auch den militärischen Beistand. Das Mittelalter mit seinem Vasallentum hatte sich maßgeblich durch das fränkische Modell herausgebildet.

franken und Christentum in alemannien
Franken und Christentum in alemannien

Alemannen und die Römische Technik

In Oberschwaben gab es etwa 75 heute bekannte Gutshöfe der Römer. Zwei Drittel wurden vor dem Jahr 240 verlassen. Ab 250 endete die römische Besiedlung in Oberschwaben. Die Alemannen waren nun die Macht im Ländle.

Doch die Alemannen siedelten in ein Land, das technisch anspruchsvoll war. Die neuen Landbesitzer waren aber unfähig, die Technik der Römer zu betreiben. Die antiken Errungenschaften, wie Wasserversorgung, Heizungstechnik oder Architektur – davon hatten die Alemannen noch weniger Ahnung als die eher romanisierten Franken. Die germanischen Eroberer waren nicht in der Lage, diese Technik zu reparieren. Sie nutzten die Vorteile vermutlich eine Weile, aber die römischen Häuser aus Stein verfielen mit der Zeit. Die Alemannen bauten ihre Häuser aus Holz auf dem römischen Fundament. Die Völkerwanderung veränderte das Gefüge unter dem Verlust von Wissen. Viele Orte blieben aber permanent besiedelt. Vor allem wo neue Ortschaften entstanden, benannte man sie oft aus einem Mix aus dem Namen des Anführers und dem Wortteil -ingen.

Politik und Christianisierung

Durch die Franken überlebte aber die Militärstruktur, mit deren Hilfe die Franken Europa dominieren werden. Ihr politisches Konzept wird das Mittelalter füllen: königlicher Erbadel, Vasallentum und Besitzverteilung. Ein Konzept, das mit dem Katholizismus vereinbar ist. Mit der Bekehrung Chlodwigs im Krieg mit den Alemannen wurden die Franken christianisiert und ihre Mission war es, die anderen Stämme unter dem Vorwand des Glaubens zu unterwerfen – mit Schwert und Feuer. Das wird die Sachsen später am meisten treffen.

Die Alemannen waren dem neuen christlichen Glauben nicht so sehr abgeneigt. Es gab schon vor der fränkischen Machtübernahme Christen in Alemannien. Die meisten allerdings blieben ihren germanischen Göttern, wie Wodan, Freya oder Thor treu. Dies war den Franken freilich ein willkommenes Mittel, die Herrschaftsverhältnisse neu zu statuieren. Das Christentum, eine Religion, die zur Missionierung aufrief, war der geeignete Vorwand für die fränkische Hegemonie.

Die Alemannen wurden ebenfalls christianisiert. Wer den Glauben nicht annahm, galt nicht nur als Heide, sondern als Aufrührer. Die Strafen dafür waren empfindlich und der König übte sein Recht mit Gewalt aus. Zudem verlor man Amt und Würden. Der Druck nahm bis zur Eliminierung des alemannischen Adels 746 zu, danach wurde zwangsgetauft. Der heidnische Glaube wurde bald verfolgt. Kirchen wurden auf den heiligen Plätzen der Alemannen oder Kelten gebaut und die Feste umgedeutet.

Ein paar alemannische Legenden wurden christianisiert und lebten weiter. So die Muotesheere, die in den dunklen Nächten über die Landschaft ziehen. Dabei handelt es sich um das Heer der Toten, die von Wotan – dem germanischen Gott des Totenreichs und der Winde – angeführt werden. Der Gott des Himmels und des Lichts war Zui. Zusammen mit Frija boten sie Wohlergehen und webten das Schicksal zurecht.

Aus dem Julfest wurde Weihnachten, das Fest zur Lichtrückkehr wurde zum Fest des Lichtbringers und das Grün des Lebens wurde zum Weihnachtsbaum. Das Ostarafest der Fruchtbarkeit wurde zum Osterfest der Auferstehung und dergleichen mehr.

Der Adel wurde eliminiert, die Klöster entstanden im gesamten fränkischen Reich, zu dem Oberschwaben vollumfänglich gehört. Zwar gab es auch andere christliche Stämme, doch die Franken waren römisch-katholisch. Die Idee von einem Reich mit einer Religion verbreitete sich unter den fränkischen Herrschern.

Ab dem 8. Jahrhundert sind die Missionare in Oberschwaben unterwegs, der Glaube an Jesus verbreitete sich stark. In der Lex Alemannorum sind Kirchenregeln bereits enthalten. Die Alemannen sind ab dem 9. Jahrhundert vor allem christlich. Das Christentum verbreitete sich besonders unter den Frauen. Denn im heidnischen Glauben von Walhalla und Kriegerehre haben Frauen eher selten ein ewiges Leben. Das ist im Christentum anders – Ewiges Leben für alle!

Exkurs: Kloster St. Gallen versus Kloster Reichenau

In diese Zeit fallen auch die Gründungen von Klöstern. Darunter das Kloster St. Gallen, das die Alemannen unterstützte und das Kloster Reichenau, das ein Stützpunkt fränkischer Herrschaft war. Das kann man sehr gut am Unterschied zweier bedeutender Klöster für Oberschwaben ablesen.

Das Kloster St. Gallen wurde zwischen 610 und 620 nach dem Vorbild eines Eremiten (Einsiedler) namens Gallus gegründet. Er war ein irischer Wandermönch, der die alemannische Kultur und Tradition durchaus respektierte. Er lebte unter ihnen und praktizierte seine Religion ungestört. Die Alemannen nannten ihn gar den „Heiligen Mann“. Wenngleich man zur Kirchengründung in Bregenz drei heidnische Figuren gesellte, die Gründung des Klosters durch Otmar auf dem Grab des Gallus war Ausdruck seiner Religiosität, die unabhängig von einer Kirche oder König entstand.

Das Kloster Reichenau war das Gegenteil. Es wurde 724 im Auftrag der Franken gegründet. Der Gründer, Primin, war ein Missionar, dessen Auftrag es war, ein Kloster im Herzen des alemannischen Raums zu schaffen, das unter fränkischer Herrschaft stand. Es war eine Art Stützpunkt für die Franken. Die Klostergründung war so unbeliebt, dass alemannische Adelige, Gunzo, Lantfried und Theudebald, den Mönch Primin vertrieben.

Gräber und Kultur

Bisher begruben die Alemannen ihre Toten zuweilen in keltischen Nekropolen oder eher in Reihengräbern – also nebeneinander. Nun taucht immer öfter das Einzelgrab auf einem christlichen Friedhof bei einem Gotteshaus auf. Während Alemannen noch mit Waffen, Fiebeln oder sogar Musikinstrumenten beigesetzt wurden, legten Franken anfangs Goldblattkreuze bei – eine Sitte aus Italien.

Doch die alemannischen Traditionen orientieren sich bald an den fränkischen, die inzwischen nichts mehr ins Grab legten. Und die bald heidnisch verpönten Beigaben führten zu Grabräuberei. Bei Ulm-Böpfingen wurden 90 Prozent der Grabbeigaben schon im frühen Mittelalter geplündert. Durch kleine Löcher angelte man beispielsweise die Fiebeln der Alemannen heraus. Schließlich waren heidnische Kulte in christlichen Ländern im 7. Jahrhundert bereits verboten worden. Die Heiden wollten es in Alemannen allen recht machen und legten sowohl christlich als auch heidnische Symbole ins Grab. Als christlich galt nicht nur das Kreuz, sondern auch der rückwärtsschauende Vogel, der Fisch oder christliche Inschriften.

Es verbreitete sich allerdings noch ein weiterer christlicher Glaube: Die Arianer. Sie glaubten nicht an die Dreifaltigkeit und wurden schon 325 als Häretiker verurteilt.

Der Glaube diente inzwischen auch der Repräsentation. Wer was auf sich hielt, war getauft. Die Grabbeigaben nahmen beim fränkischen Adel ab dem 8. Jahrhundert wieder zu.

Die Kirchen wurden im 7. Jahrhundert noch aus Holz gemacht, wie der Campus Galli eindrucksvoll zeigt. Nicht selten wird die Holzkirche mit dem Tod des Besitzers abgerissen.

Mit dem 8. Jahrhundert entstanden die ersten Steinkirchen, sogar mit Fenstern. Auch das Kloster Reichenau wurde erst in diesem Jahrhundert zu einem steinernen Monument der Geschichte.

Bezeichnung und Sprache

Der Name ‚Alemannen‘ starb schon im frühen Mittelalter aus. Der Zuzug von Schwaben aus dem Gebiet des heutigen Berlin-Brandenburgs wird sich bald in der Bezeichnung ausdrücken. Ab dem 11. Jahrhundert ist der Name Alemannen nicht mehr gängig. Erst im 19. Jahrhundert kommt er wieder vor – mit einer willkürlich gezogenen Unterscheidung zwischen Schwaben und Baden. Übrigens hat weder die Fasnet noch der Dialekt etwas mit Alemannisch zu tun.

Der Ursprung des schwäbischen Dialekts lebt in seinem Kernland, der Schweiz weiter. Je weiter man in die Geschichte zurückgeht, desto mehr sprachen die Leute so. Das hat sich aber erst im Hochmittelalter herausgebildet. Es gibt keine Belege eines einheitlichen Sprachraums im 8. Jahrhundert.

Eine Schrift gab es damals auch noch nicht. Das Schreiben setzte sich erst allmählich durch. Das kam mit der Ausbreitung der Klöster.

Aus dem heidnischen und aufrührerischen Alemannien ist das katholische Schwaben geworden, das als fränkische Provinz bald im Ostfränkischen Reich aufgeht, das dann zu Deutschland wird. Das Mittelalter hält für Schwaben weiteres Ungemach bereit: Der Fluch der Herzöge von Schwaben.

 

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