Schatzgräber vom Kocherhof bei Kisslegg

Venezianische Münzen, ein verschwundener Hof und ein Geist: Die Legende der Schatzgräber vom Kocherhof im Allgäu. 

Die Legende über den Kocherhof existiert in verschiedenen Versionen. Von ihrem Inhalt lässt sich ein realistischer Inhalt zurückverfolgen. Beginnen wir mit der Legende, die zusammengefasst und leicht modernisiert wurde, und danach gehen wir dem Realitätsgehalt nach.

Die Legende der Schatzgräber vom Kocherhof

Der Kocherhof stand einst bei Krumbach bei Kißlegg in der Nähe einer Kiesgrube. Die Bauern in den alten Tagen fürchteten sich vor einem Gespenst, das dort immer wieder des Nachtens erschien. Das Gespenst war ein Mann von hoher Statur. Er stand mal unter dem Vordach, mal erhob er sich unvermittelt vor den Leuten auf dem Hof aus der Erde. Er sagte nie nur ein Wort, aber sein Blick erfüllte die Menschen mit Schrecken.

Die Menschen dachten, sie könnten dem Fluch des Gespenstes entgehen, wenn sie ihren Hof verlagerten – doch nach etlichen Jahren stand die unheimliche Gestalt abermals da.

Archäologen kamen in der Nachkriegszeit zu Grabungen von Stuttgart ins Allgäu. Sie suchten nach antiken Relikten in der Nähe des Hofs. Eines Tages, die Herrschaften waren beim Bauern zum Mittagstisch, betrachtete eine Hofangestellte die Ausgrabungen genauer.

Interessiert durchschaute sie die Scherben und Krug-Fragmente, die die Grabung zutage förderte. Dann wandte sie sich dem Loch in der Erde zu. Sie erblickte einen Schimmer, etwas blitzte durch die Mittagssonne auf. Sie trat heran und sah einen Münzschatz. Verwundert griff sie in die Münzen und holte sich 17 Stück hervor.

Aufgeregt lief sie zum Hof und rief: „Kommet halt! Doa liagt an Haufa Geld rum!“ Alle liefen zur Grabungsstelle, doch keine Münze war zu sehen. Einzig die 17 Taler, die die Haushälterin griff, waren übriggeblieben. Es waren Münzen mit der venezianischen Prägung eines geflügelten Löwen und der Schrift: „Sanctus Marcus Venetia“. Die Zahl 140 war zu sehen, ein christliches Kreuz und des Namens des venezianischen Herrschers: „Johannes Bembo Dux Venetiae“.

Beschwörung des Hexenmeisters

Keine Frage, der Schatz war echt und das hielt den Hofherrn nachts wach. Er träumte vom schnellen Geld, könnte er nur den Schatz finden. Nach einiger Zeit beschloss er den Hexer vom Knollengraben in Ravensburg zu bestellen, um den Schatz ausfindig zu machen.

An einem Freitagabend stand der Hexer vor der Tür. Ungeduldig öffnete der Bauer die Tür und der Hexer trat wortlos ein. Vor der Beschwörung malte er einen Kreis aus Kreide auf den Boden. Er stellte einen Tisch und einen Stuhl in den Kreis. Auf den Tisch stellte er zwei Kerzen und entzündete sie mit einem Gemurmel.

Mit einer Sturmlaterne begab er sich in den Kreis und begann zur Geisterstunde mit der Beschwörung. Und tatsächlich erschien der riesige Geist in dem magischen Zirkel. Der Hexenmeister löschte die Flammen der Kerzen und befragte den Geist nach dem Schatz: „Schwätz, Goischt! Wo isch des Geld?!“ Doch der Geist blieb stumm. Er streckte seinen linken und dann den rechten Arm aus und machte Handbewegungen. Der Hexenmeister verstand, dass er sein Geheimnis nicht lüften wollte. Anschließend löste sich der Geist auf.

Gleich am nächsten Freitag versuchten die beiden es erneut – dieses Mal vor dem Schuppen auf dem Hof. Dieselbe Zeremonie, doch die Reaktion des Geistes war anders. Der Geist kam mit ernster Miene auf den Hof zugelaufen, doch stoppte er am Hoftor. Mehr noch, ein Truchawägele – ein Kastenwagen – fuhr ebenfalls die Straße hoch zum Kocherhof. Von weitem hörte man die Schellen klingeln, die Pferde wiehern und ihr Geschirr klappern. Der Geist stoppte den Wagen am Hoftor. Darauf saß ein großer Fuhrmann mit einer Truhe, deren Taler im Mondenschein glitzerten.

Der Geist starrte auf den Hexenmeister und den Bauern und verschwand mit einem lauten Schrei samt Wagen. Der Macht des Geistes konnte der Hexenmeister nichts entgegenbringen. Er gab auf und warnte den Bauern, der Schatz bliebe lieber dort, wo er sei.

Das Schweigen der Gräber

Es gingen einige Jahre ins Land, bis eine Magierin vom Balkan durch die Gegend reiste. In einem Gasthaus in der Nähe hörte die Magierin zufällig davon, wie der Bauer von dem Schatz redete, der ihn immer noch nicht losließ.

Die Magierin wusste, was zu tun war. Sie riet ihm, ein Quadrat mit mindestens drei oder sogar vier Metern in der Länge auf dem Fundort zu malen. An drei Freitagen hintereinander müsse er dort mit seinem Bub graben, bis die Kirchenuhr zur Mitternacht schlüge. Kein Wort dürfe ihnen in dieser Zeit über die Lippen kommen, nicht ein Sterbenswörtchen. Die Magierin übergab ihm zwei schwarze Wurzeln, die er eingenäht bei sich tragen solle.

Die ersten beiden Freitage ging ihnen die Arbeit gut von der Hand. Am dritten Freitag jedoch, waren sie von der gierigen Vorfreude so beflissen, dass sie wie wild gruben. Schaufel um Schaufel näherte sich Mitternacht. Noch eine halbe Stunde bis zum Schatz, da stieß der Bauer auf einen großen Stein. Gemeinsam versuchten sie den Stein herauszubekommen, doch er saß zu fest. In der Wut enfuhr dem Vater ein Fluch. Er hielt sich die Hand vor den Mund, doch es war zu spät. Bitter enttäuscht sagte der Sohn: „Oh Vatter, hättesch jetzt it no a weng s Maul halta kenna? Dia ganz Arbet und koi Geld!“ Der Bauer fühlte in der Hose nach den schwarzen Wurzeln, aber sie waren verschwunden.

Bestürzt ließ der Vater die Schaufel fallen und wollte nie mehr etwas von dem Schatz hören. Der Geist ließ sich nicht mehr blicken, jedenfalls nicht mehr auf dem Hof. Er wurde von der Bäuerin noch einmal in Hubers Hölzle gesehen. An einem ganz normalen Tag stand der Geist plötzlich in ihrer Sichtweite. Er füllte einen Sack mit den Talern und ward von da an nicht mehr gesehen. Die Bäuerin erschrak vor dem Anblick und flüchtete aus dem Gehölz, das seit jenem Tage vielen Menschen nicht mehr geheuer ist. Die Pferde bemerkten das Unheil und ließen sich nur durch die Nennung der drei Höchsten und ein Kreuz mit der Geißel über dem Gespann dazu bewegen weiterzugehen.

Historisches und Legende

Münzfunde sind tatsächlich recht häufig. Immer wieder werden sogenannte Depots gefunden, die alte Münzen hervorbringen. Die Legende gibt uns einige Hinweise auf diese Münzen. Es handelte sich um venezianische Münzen namens „Scudo della Croce“, die den Namen „Johannes Bembo Dux Venetiae“ trugen. Der Name ist historisch verbürgt. Es war der Herzog von Venedig von 1615 bis 1618. Der geflügelte Löwe und die Inschrift „Sanctus Marcus“ könnte auch auf eine Münze des Herzogs Francis Erizzo hinweisen, der von 1631 bis 1646 regierte. Die Münzen Venedigs galten über Jahrhunderte als bewährtes Zahlungsmittel. Die Zahl 140 ist der Wert (Soldi).

Die Zeit verweist auf den Dreißigjährigen Krieg. Diese Zeit war gerade in Oberschwaben von Leid und Überfällen geprägt. Plünderungen fanden vielerorts statt. Möglicherweise wollte jemand seinen Schatz davor bewahren und vergrub ihn. Vielleicht überlebte er es nicht und konnte den Schatz daher nie heben.

Der Krieg erfasste in jenen Jahren auch Venedig, das im Krieg mit den Habsburgern (Österreich) standen, die auch über Teile von Oberschwaben herrschten. Vielleicht war also der Münzhort bereits eine Kriegsbeute oder ein venezianischer Kaufmann wurde überfallen und die Beute vergraben.

Funfact: In Anlehnung an diese Geschichte verleiht der Kißlegger Narrenverein den „Großen Dux Bembo Orden“.

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