Alemannen und Franken II: Die Vorherrschaft in Europa
Das sterbende Rom hinterließ ein Machtvakuum, das die sogenannten Barbaren im Nachgang füllten. Wer das Erbe des römischen Imperiums antritt wird aber nicht diskutiert, sondern mit Schwert und Feuer ausgefochten. Die Heere marschieren auf die Schlachtfelder des frühen Mittelalters.
Viele nordeuropäische Stämme haben sich auf den Weg nach Süden gemacht und womöglich ungewollt das römische Imperium zerstört. Unter den Stammesverbänden sind die Franken und die Alemannen. Als Nachbarn expandieren sie in dasselbe Gebiet, was unweigerlich zu Konflikten führt. Die beiden Stämme, Franken und Alemannen, waren sich durchaus ähnlich in Sprache, Kultur und Religion.

Das Grobe wurde beim jährlichen Ting – einer Ratsversammlung – geklärt. Ansonsten war man frei zu tun, was man will. Das altgermanische Regelwerk ging vor allem Personenschäden nach, den man mit Rache sühnt. Das Konzept der Fehde wird bis zum Ende des Mittelalters erhalten bleiben. Das römische Recht, wie wir es heute als geschriebene Gesetze kennen, ist im frühen Mittelalter – im 5. Jahrhundert – noch weit weg.
Worin sich Franken und Alemannen unterschieden, war die Politik. Die Franken nahmen nicht alle auf. Das Konzept der Alemannen war da durchaus liberaler angelegt. Vor allem aber entwickelten die Franken ein Herrschaftssystem mit einem König und die Alemannen nicht. Die Franken werden in Europa auch den Erbadel etablieren. Die Alemannen hatten zwar auch Adelige, aber das waren Krieger, die sich durch Schlachten bewährt und die ihre Claims abgesteckt haben. Der Herzog als Adelstitel bezeichnete ursprünglich denjenigen, der das Heer anführte und dieser Herzog wurde gewählt.
Krieg zwischen Franken und Alemannen im 5. und 6. Jahrhundert
Von Norden her, aus Mitteldonau- und Maingebiet, erweiterten die Alemannen ihr Siedlungsgebiet nach Süden und erreichten im 3. Jahrhundert Oberschwaben, etwa gleichzeitig mit dem Fall des Limes. Die Fliehenden vergruben ihre Wertsachen in der Hoffnung, den Schatz später zu heben. Da dachten sie allerdings falsch, denn die nachrückenden germanischen Stämme besetzten das Land dauerhaft – bis heute.
Das fränkische Ausbreitungsgebiet nahm dieselbe Route. So trafen sich die Franken und Alemannen in Gallien und am Oberrhein. Die Gebiete am Rhein waren zum Zankapfel geworden. Die Begehrlichkeiten umfassten auch die Gebiete um Mainz und Speyer. Immer wieder fielen sich die beiden Stämme gegenseitig ins Hinterland ein, um Beute zu machen. Diese Raubstrategie hatte inzwischen eine gewisse Tradition. Die Alemannen betrieben die Raubzüge bei den Nachbarn vom 3. bis ins 5. Jahrhundert und schließlich konnte man so auch die Römer vertreiben.
Schlacht bei Zülpich – Die Alemannen verlieren
Die Alamannen drangen im Herbst 496 in das Gebiet der Rheinfranken ein. Ein Trupp des Franken Sigibert von Köln stellte sie mutmaßlich in der Nähe der Stadt Zülpich. Die Alemannen zogen sich zurück, doch Sigibert alarmierte Chlodwig, der kurze Zeit später eintraf. Vor diesem Hintergrund standen sich Tausende Soldaten auf beiden Seiten des Schlachtfelds gegenüber.
Das zahlenmäßig unterlegene Heer der Franken wurde von Chlodwig I geführt. Sein alemannischer Widersacher ist historisch nicht bestimmbar. Womöglich sah die Lage für Chlodwig düster aus, denn während der Schlacht rief Chlodwig den Christengott um Hilfe an. Sollte er ihn gewinnen lassen, so würde er sich zum Christentum bekennen.
Tatsächlich siegte Chlodwig in der Schlacht über die Alemannen, was nicht zuletzt an der Organisation und Taktik römischer Errungenschaften gelegen haben könnte. Als der alemannische Heerführer fiel, so war es Tradition, war die Schlacht gelaufen. Mit dieser Schlacht bei Zülpich 496 konnte er den nördlichen Teil Alemanniens erobern. Es ist bis heute eine Dialektgrenze zwischen dem Schwäbischen und dem Fränkischen.
Chlodwig ließ sich zu Weihnachten 496 taufen und suchte weiterhin die Auseinandersetzung mit den Alemannen, deren Land er sich einverleiben wollte. Gestärkt von den Erfolgen, forderte er die Alemannen im Jahr 506 erneut heraus. Tatsächlich war er militärisch zuvor erfolgreich gegen die Westgoten vorgegangen. Man kann wohl annehmen, dass er bereits Imperiumspläne hatte.
Die verbliebenen Alemannen suchten Schutz beim Ostgotenkönig Theoderich, der allerdings nicht sofort eingreifen konnte. Die Franken hatten aber Oberschwaben bereits eingenommen. Als die ostgotischen Truppen eintrafen, konnten sie nur noch einen Teil des alemannischen Raums sichern. Die Alemannen zogen sich in die Ostschweiz, Helvetien, Rätien, den Bodenseeraum und das Allgäu zurück. Dafür, dass die Franken diese Gebiete unangetastet ließen, sorgte die neue Schutzmacht der Alemannen: die Ostgoten.
Im Jahr 530 kam es zur dritten Schlacht, zur finalen Unterwerfung der Alemannen durch die Franken. Diese letzte große Schlacht fand wohl irgendwo in Oberschwaben statt. Ein westgotischer Beistand fiel wegen des Todes des Königs Theoderich vier Jahre zuvor aus. Auch der Frankenkönig war zwischenzeitlich tot, aber seine Söhne setzten seine Idee fort – wie auch die anderen Frankenkönige später. Einer der Söhne zog 530 von Metz über den Hochrhein ins Bodenseegebiet. Die Alemannen waren geschwächt und konnten dem fränkischen Einmarsch kaum Paroli bieten. In der Entscheidungsschlacht, irgendwo im Raum Sigmaringen, Tuttlingen, Bodensee, verloren die Alemannen ihre Selbstständigkeit und ihr Gebiet.
Die Franken besiegten auf dem Weg zur europäischen Vorherrschaft die Westgoten im Jahr 508 in Südgallien, Thüringen wurde 531 unterworfen, die Burgunder 534 und Baiern 555.
Derweil ziehen immer noch Suebi (Schwaben) – vor allem aus dem Gebiet der Saale – in den Donauraum.
Alemannien unter fränkischer Herrschaft: Rebellion
Die Alemannen waren im ersten Drittel des 6. Jahrhunderts nicht mehr relevant. Es gibt aus der anschließenden Zeit keine bedeutenden Funde: keine Luxuswaren oder Adelsgräber.
Allerdings findet man Fürstengräber der Franken, die die Erschließung des Landes als fränkische Provinz an strategisch wichtigen Punkten bewirkten. So beispielsweise in Basel, Pforzheim und Lauchheim. Orte, die auf -haus oder -heim enden, waren fränkische Gründungen und verfügen oftmals über eine Martinskirche, der bedeutendste fränkische Heilige und heutige Staatsheiliger Frankreichs. Die Franken schickten sogenannte Huntare los, die bestimmte Gebiete der fränkischen Verwaltung eingliedern sollten. Dabei handelte es sich um eine Verwaltungseinheit. Das Wort Huntare meint eine Hundertschar. Diese Anzahl von Leuten, bestehend aus Bauern, Handwerkern und Militärs, besetzten strategische Punkte auf einst römischen Siedlungen, um das Land beherrschen zu können. Deren Siedlungen enden oft auf -dorf oder -baar. Bei einen Ortschaften ging es in den Ortsnamen über: Hundersingen.
Die zentrale Verwaltung lag nun im Westen in Metz. Die alemannischen Adeligen hatten nichts zu sagen oder gar auszurichten. Den Alemannen war der Aufstieg in der fränkischen Hierarchie verwehrt und selbst Aufstände konnten ihre Eigenständigkeit nicht wiederherstellen.
Als fränkische Provinz mussten die Alemannen den Franken militärischen Beistand leisten, und das brauchten sie recht häufig, um die anderen Stämme zu unterwerfen. Die Verwaltung übernahmen sogenannte Duces. Das heißt zwar Herzog, ist aber nicht mit einem hochmittelalterlichen Herzog zu vergleichen. Der Dux war ein eingesetzter Verwalter des Militärs.
Im 7. Jahrhundert wechselten die Machthaber auf dem fränkischen Thron. Die Merowinger sind zwar offiziell noch die Herrscher, aber die Karolinger haben längst das Zepter in die Hand genommen. Dieses Marionettentheater dauerte etwa 100 Jahre, bis die Karolinger auch offiziell den König stellten und gleich den Posten des Hausmeiers, womit sie an die Macht kamen, abschafften.
Aufstand am Bodensee
In dieser Zeit des schleichenden Übergangs rebellierten die Alemannen besonders stark. Die alemannischen Duces Gunzo, Lantfried und Theudebald vom Bodensee wollten die fränkische Macht in Alemannien brechen. Sie werden später ihre Gebiete unfreiwillig für das Kloster Reichenau stiften. Doch zunächst versuchen sie dem fränkischen Joch zu entkommen.
Im Jahr 720 verfassten sie das erste Gesetzesbuch der Alemannen: Lex Alamannorum, worin bereits christliche Riten angelegt waren. Ein Recht, das nur für Alemannen gilt, widerspricht der fränkischen Herrschaft. Aber mehr noch als diese Gesetzessammlung, prägten sie ihre eigenen Münzen, was eigentlich dem König vorbehalten war. Das war eine unmissverständliche Botschaft: Rebellion! Und sie fand durchaus Zulauf, vornehmlich aus Bayern und Sachsen.
Um die Sache ein für alle Mal zu beenden, lud der fränkische Herrscher Karlmann 746 den gesamten Adel zum Blutgericht von Cannstatt. Das Land der Aufständischen wurde einem Kloster zugeschrieben, das Primin schon im Jahr 724 quasi illegal gründete: Kloster Reichenau. Ein fränkisches Kloster war nicht nur ein geistiger Hotspot, es war Ausdruck der fränkischen Machtsicherung. Die Gebrüder Lantfrid, Gunzo und Theudebald wollten diese Klostergründung verhindern. Sie vertrieben den Gründer Primin unblutig, aber mit Nachdruck. Dazu mehr im nächsten Beitrag: Franken vs Alemannen III.
Zusammenfassung: Die Alemannen leben anders als die Franken, die die Alemannen zu Beginn des 6. Jahrhunderts besiegen. Die Alemannen haben keine Aufstiegschancen und Rebellionen werden niedergeschlagen. Als es im 8. Jahrhundert einen Machtwechsel im fränkischen Königshaus gab, erhofften sich die Alemannen wieder ihre Freiheit. Eine Gesetzessammlung und alemannische Münzen entstehen, aber die neuen Herren machen kurzen Prozess.
