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Munderkingens Schildbürgerstreich gegen die Kälte

In den gesammelten Werken von Carl Boromäus Weitzmann gibt es eine Legende der Schildbürger, die sich in Munderkingen niedergelassen haben sollen.

Die Schildbürger sind allseits bekannt und am Schluss der Erzählungen über sie brennen sie ihr Dorf auf der Suche nach dem Maushund nieder. Doch das soll nicht das Thema dieser Legende sein, sondern wie sie in Munderkingen an der Donau den Winter besiegen wollten.

Schnee in Oberschwaben

Die Legende vom kalten Ratstag

Nach dem Ende des Dorfes der Schildbürger ließen sie sich an verschiedenen Orten nieder. Auch wenn in den Kirchenregistern nichts davon erwähnt wird, so ist doch gewiss, dass Einige im schwäbischen Oberland sesshaft wurden. Einer dieser Orte war der Legende nach Munderkingen.

Vor etlichen Jahrhunderten gab es einen Winter, der kälter und schneereicher war als alles, was man bisher erlebt hatte. Innerhalb weniger Tage waren die Häuser unter einer dicken Schneedecke begraben. Nur die Kirche des Ortes ragte ob des hohen Turms heraus.

Die Leute in Munderkingen beteten zu Gott, es möge doch etwas wärmer werden. Sie baten den Pfarrer der Stadt, etwas zu tun. Aber dieser winkte ab. Der Wettersegen helfe lediglich bei Blitz, Hagel und Gewitter. Es helfe nichts gegen die Kälte, man müsse sie ertragen. Aber die Kälte war unerträglich. Sie kroch durch die Ritzen der Mauern, durch Tür- und Fensterspalten in die Wohnhäuser der Leute. Gut möglich, dass damals die Redewendung entstand, mit der man einen Besuch beschreibt, welcher nicht gehen will: “Der druckt rei wie-d’Kälte!”.

Die Donau war gar gefroren und das Packeis stapelte sich übereinander. Am Brunnen hingen dicke Eiszapfen herunter und wenn man spucken wollte, gefror das Nass, noch bevor es den Boden erreichen konnte. Das Fleisch und das Brot wurden mit Äxten zerkleinert, auch Bier und Most waren in den Fässern zu Blöcken gefroren. Man hörte die Klage: “Des isch joa so kalt, dass oim’s Vaterunser im Maul gfriert!”

Eines Tages war es zu viel der Kälte und die Bürger zogen zum Rathaus. Etwas musste getan werden, egal was. Der Schulte (Schultheiß oder Bürgermeister) müsse etwas tun, riefen sie. Genug ist genug. Der Rat saß bereits am Tisch und überlegte, wie man der Kälte beikommen könnte. Vom vielen Denken hatten die Ratsmitglieder bereits hochrote Köpfe bekommen.

Da sprach der Schulte: “Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand! Und bei mir isch des so. Drum sei beschlossen, was zum Wohl der lieben Bürger von Munderkingen sei. Ohne langes Hin und Her!” Der Plan war: “Wir ziehen unserer Stadt Munderkingen jetzt einen Pelzrock an! Aus Wildschur soll es sein, denn alle wissen, dass der Wolfspelz auch gegen die bitterste Kälte hilft. Keiner von uns, liebe Bürger, hat denn je einen erfrorenen Wolf gesehen. Das ist der Beweis! Durch die Kirchturmspitze ziehen wir das Ärmelloch des Pelzrockes und mit kräftigen Kälberstricken binden wir den Rocksaum an den Stadttoren fest. Denn ein Pelzrock aus Wildschnur muss gut sitzen. Somit ist die Sache beschlossen!”

Alle stimmten in Ermangelung eines besseren Plans zu. Also beauftragte man die Kürschner der Stadt, die über einen ausgezeichneten Ruf verfügten. Die Lagerhallen waren voll und so machte man sich ans Werk, den übergroßen Wolfspelzrock zu fertigen. Sie arbeiteten Tag und Nacht an der Umsetzung. Sie schnitten und nähten am Ärmelloch für die Kirchturmspitze und befestigten die Kälberstricke, was Teil des Plans war.

Die Zimmerleute legten Stangen aus und der Pelzrock wurde über den Kirchturm gehievt. Oben schaute bereits der Kirchturm durch das Ärmelloch, als ein Jubel aufbrauste. Die Leute zogen weiter und der Rock zog sich über das Dach der Kirche. “Weiter, weiter”, befehligte der Schultes die Leute, doch das dritte “Weiter” kam nicht mehr. Nun war es offensichtlich, dass der Rock zu klein war.

Mit einem Mal wurde es wieder kälter in Munderkingen. Die Zimmersleut ließen ab und holten den riesiger Pelzrock von der Kirche herunter. Alle starrten in der Hoffnung hoch, ein Wunder möge geschehen. Hoffnungslosigkeit machte die Runde, bis der Stadtschreiber schrie: “Ha! I hon’s!”

Der Schulte winkte ab: “Des ka schon nix Gscheits sei!” Aber letztlich ließ er den Schreiber sprechen, da es besser war, als in der Kälte den Turm anzuglotzen. Statt Wild solle man nun Lerchengarn benutzen, um den Kälteschutz herzustellen. Das sei billiger und man könne recht schnell ein Netz stricken. Das soll man dann über die Stadt spannen und so die Kälte aussperren. Denn die Vögel bleiben ja auch darin hängen, weil sie die feinen Fäden nicht erkennen können. Der Kälte müsste es also gleich ergehen. Sie könne das Netz nicht erkennen und bliebe folglich im Netz gefangen und damit draußen.

“Probatum escht”, rief der Schulte. Zwar hatte man seine Zweifel an dem Plan des Stadtschreibers, doch stimmten alle zu. Denn der Stadtschreiber galt als Käpsele. Die Garnknüpfer wurden beauftragt, das Netz herzustellen. Das dauerte einige Tage, doch dann war es soweit.

In einer feierlichen Prozession wurde das Garn durch die Gemeinderäte zum Kirchplatz getragen. Dort standen noch die Leitern vom gescheiterten Vorversuch. Der Stadttrompeter gab das Signal und die Gemeinde zog das Lerchennetz gemeinsam über ihre Stadt. Langsam aber sicher gelang es. Mit Eisklumpen wurde es fixiert und kein einziger Faden war gerissen.

Da es die Idee des Stadtschreibers war, sollte er die Frage klären, ob die Kälte draußen bliebe oder nicht. Der Schreiber leckte seinen Finger ab und streckte ihn in die Höhe, als wolle er die Windrichtung bestimmen. “Gott sei Dank”, sprach er aus, “die Kälte ist gebannt!” Dann streckte er den Finger durch das Netz und wartete einige Minuten. Dann zog er den Finger mit einem schnellen Ruck zurück und rief: “Oh Burger, wie isch es doch arg kalt doa dussa!”

Das Volk und der Stadtrat klatschten Beifall. Der Schulte schlug seinem Schreiber kräftig auf die Schulter und sagte: “Du bisch fei a Mordskerle, Hannes. Dafür kriegsch du drei Batzen aus der Stadtkasse!” Die Stadträte nickten bestätigend und taten es dem Schulte gleich. Noch Tage später spürte der Schreiber die Ehrung auf der Schulter.

Damit dies nicht vergessen bleibt, zog man einen zentnerschweren Eisblock aus der Donau auf den Platz vor der Kirche. Der beste Steinmetz der Stadt meißelte hinein: “Künftige Zeiten, vor allem unseren Enkeln kund und zu wissen, dass oben Besagtes zu Munderkingen geschehen!”

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