St Adelinis Kapelle im Tränental
Umgeben von Feldern am Rande des Mühlbachs liegt die Kapelle auf einem Hügel. Der Platz lädt zum Verweilen ein und um sich die Legenden zu dem Fassadenspruch „Windle, Windle, weh …“ zu erzählen.
Die Legenden verweisen ins Mittelalter, allerdings in unterschiedliche Jahrhunderte. Mutmaßlich wird der kopflose Reiter, oft ein keltisches Relikt, mit den Hunnen und der Fehden- (Rache-) Kultur vermengt. Dazu kommen einige frühchristliche Symbole und Rituale.
Wir schreiben das 10. Jahrhundert. Die Ungarn überfallen mehrmals Schwaben und andere Herzogtümer. Ihre Einfälle bringen Tod und Verwüstungen mit sich, von denen sich das Land nur allmählich wieder erholt.
Die Selige Adelinis und ihr Gatte Hatto, der Graf des Ertgaus, erfahren, dass die Ungarn im Lande stehen. Hatto zieht mit dem Versprechen aus, die Ungarn zu bekämpfen und wieder nach Hause zu kommen, selbst wenn er tot sei – und Hatto verlor sein Leben.
Als Hatto trotz des Versprechens nicht wiederkommt, zieht sie mit ihrem Gefolge aufs Schlachtfeld hinaus und klagt ihr Leid mit den Worten: „Windle, Windle weh, dass ich meinen Herrn wieder seh‘!“
Und tatsächlich erscheint ihr der geisterhafte Hatto als Reiter ohne Kopf, den er gar auf einem weißen Teller trägt. Erschreckt ruft Adelinis aus: „Windle weh, dass ich meinen Herrn nicht mehr seh‘!“, und so verschwindet der tote Gemahl.
An dieser Stelle ließ sie die Trauerkapelle erbauen, die Tränenkapelle – und mit ihr benannte man es als Plankental – planken lateinisch für Tränen.
In der Legende wird von den Hunnen gesprochen, die aber im 5. Jahrhundert über Europa hereinfielen. Die Ungarn kamen tatsächlich im 10. Jahrhundert und verwüsteten viele deutsche Gebiete. Doch ein Schlachtfeld bei Bad Buchau ist nicht bekannt. Die Ungarn wurden 955 bei der Schlacht am Lechfeld vernichtend geschlagen.
Vielleicht war der Hügel ein keltischer Kultort – eine Anhöhe über einem Bach wäre tendenziell eine gute Auswahl. In der Gegend gab es einige Kultorte der Kelten – vom Bussen bis zum geopferten Depot entlang der Kanzach etwas nördlich. Zudem stand hier recht früh eine Kirche und diese frühen Kirchen wurden nicht selten über heidnischen Kultplätzen gebaut, denn die herrschenden Franken im frühen Mittelalter christianisierten auch mit Feuer und Flamme.
Der kopflose Reiter, Graf Hatto von Ertgau, ist historisch nicht nachweisbar. Die Kelten waren dafür bekannt, die Köpfe ihrer Feinde zu sammeln und sie waren gute Reiter. Auch am Bussen gibt es eine Legende vom kopflosen Reiter. Vielleicht handelt es sich um mündliche Überlieferungen aus diesen Tagen.
Hatto oder Atto war jedenfalls ein häufiger Name, so gab es beispielsweise einen Bischof Hatto im 11. Jahrhundert. Das Ertgau war eine fränkische Gebietsstruktur, die es ab dem 6. Jahrhundert in Oberschwaben gab. Mit dem Sieg über die Alemannen bauten die Franken ihre Verwaltung auf. Orte mit Endung -heim oder -haus weisen auf diese Zeit hin. Im 10. Jahrhundert wurden daraus allmählich Grafschaften. Doch eine Adelinis, die mit einem Graf Hatto verheiratet war, taucht nicht auf.
Die fragliche Adelinis, die Selige, lebte im 8. Jahrhundert. Auch im 10. Jahrhundert gab es eine fromme Adelinis – sie war aber die Äbtissin in dem Kloster, das die Adelinis (1) im 8. Jahrhundert stiftete. Das bringt die Legende wohl etwas durcheinander.
Die Selige Adelinis von Buchau ist historisch durchaus zu finden. Sie hieß Haddellind und wurde im Jahr 735 auf Burg Andechs geboren. Als Tochter eines Hochadels der Langobarden und einem bayrischen Adel, heiratete sie um 750 den Grafen Warin – ein fränkischer Adeliger. Etwa 20 Jahre später stifteten sie das Stift Buchau. Doch ihr Leben fand nicht in Buchau statt, vielleicht war sie ein einziges Mal in dem Ort am Federsee.
Dennoch ist der Name fest mit dem Ort verbunden, es gibt das Adelinis-Fest, das -Mineralwasser und die -Therme.
Die Äbtissin von Buchau, Adeline, ist historisch ebenfalls zu fassen. Auch sie betrifft eine Legende, die aber zeitlich 20 Jahre vor den großen Verwüstungen durch die Ungarn stattfand. Die waren zu der Zeit noch in Kärnten.
Der wahre Kern dieser Legende betrifft die Opfer. Sie wurden durch Hermann den Lahmen urkundlich erwähnt, der damals im Kloster Altshausen lebte – das war aber im 11. Jahrhundert. Die Brüder Beringer, Reginolf und Gerhard waren wohl das Opfer einer Fehde, wie es sie das ganze Mittelalter durchzog. Dieser Privatstreit war mit Mord und Rache verbunden und war gängiges Recht, das zuweilen auch eskalierte und ganze Landstriche einbezog. Wo die drei starben, die eigentlich keinerlei Bezug zum Kloster oder zu Buchau hatten, ist nicht bestimmbar. Sie finden sich in den Chroniken des Klosters Reichenau, wo Hermann auch Mönch war.
Die Selige Adeline soll eine Schwester gehabt haben, die ebenfalls auf den Namen Adeline hörte. Diese zwei Adelines hatten mit dem Kloster Buchau im 10. Jahrhundert zu tun. Mindestens eine davon ist im Kloster und soll im Jahr 902 von den Söhnen ihre Schwester, Beringer, Reginolf und Gerhard, entführt worden sein. Sie wollten verhindern, dass sie ein gottgefälliges Leben führen oder, um sie zu befreien.
Sie hauchten ihr Leben am Ort der Kapelle aus, als sie gestellt und getötet worden sein sollen. Die Kapelle soll zu ihrem Gedenken errichtet worden sein. Es war ein Ort, an dem Adelinis weinen konnte. Die Gebeine der Brüder wurden ihrer Mutter, so eine spätere Variante, der Seligen Adeline beigesetzt.
Diese zweite Legende entstand im Hochmittelalter und hat einige christliche Motive. Und noch mehr Unstimmigkeiten. Angefangen damit, dass das Grab der Seligen Adeline unbekannt ist. Gemeint ist vermutlich die Krypta der Stiftskirche St. Cornelius und Cyprianus, wo die Äbtissin Adeline beigesetzt wurde.
Der Platz, auf dem die Kapelle steht, verbindet zwei Legenden mit der Trauer und dem Namen Adelinis. Trauer um den getöteten Mann in der Schlacht und Trauer um die getöteten Söhne nach einer – aus christlicher Sicht – Untat. Tatsächlich flohen viele Nonnen aus den Klöstern, in die sie gegeben wurden.
Die Geschichte faszinierte Hermann den Lahmen offenbar, die er vermutlich hörte, als er in Altshausen lebte. Er schrieb davon inspiriert „Salve Regina“, womit die Muttergottes in einem Bittgebet gemeint ist.
Das Momentum der Trauer und der Verlust wird mit einem Gebet an die Mutter der Barmherzigkeit kombiniert. So heißt es im Gebet des Mönchs: „zu dir seufzen wir, trauernd und weinend, in diesem Tal der Tränen“, eng verbunden mit dem Bibelzitat: „Die durch das Tal der Tränen gehen, machen es zu einem Quellort.“ (AT, Psalm 84, Vers 7)
Dies wirkte nachhaltig, als im Zweiten Weltkrieg einige Bewohnende von Buchau vor der französischen Befreiung in die Plankental-Kapelle flüchteten. Dass es trotz Beschuss durch die Artillerie nicht zu Verletzungen kam, ist abermals Stoff für die christliche Lehre.
Der Weg zur Kapelle ist nicht ganz einfach, was ebenfalls religiöse Züge einer Wallfahrt trägt – zumal die zwölf Stationen der Passion Jesu die Wandersleut begleiten. Die Fassade der Kirche ist mit dem Spruch der Adelinis beschrieben und ein Sgraffito des Kunstmalers Paul Hirt aus den 40ern erzählt die Legende bildlich. Auch die anderen Fresken stammen aus der Zeit und berichten von der Seligen Adelinis (1).
Es muss schon recht früh an der Stelle ein Gotteshaus gestanden haben. Den Franken im Frühmittelalter dienten Kirchen auch als Stützpunkt ihrer Herrschaft. Wann die erste Kirche hier stand, ist unbekannt. Die erste Erwähnung findet sich in den Urkunden zum Jahr 1476. Im Jahr 1583 ließ die damalige Äbtissin von Buchau, Maria Jakobe von Schwarzenberg, eine neue Kapelle bauen. Die heutige Form ist aus dem Jahr 1886.
Heute dient die Kapelle wie schon zu ihrem legendären Bestimmungszweck der Einkehr und Besinnung. Der Blick aber reizt auch, denn bei gutem Wetter (in den Bergen) kann man die Alpen gut sehen.
Eine weitere Legende, die mit der Kapelle zusammenhängt, ist jene vom Schneider Brukmaier. Dieser habe Haselnüsse bei der Kapelle liegen sehen. Er griff sich eine Handvoll für seine Kinder. Als er zuhause war, waren es lauter Geldscheine. Es war ein Geschenk der Adelinis an die Kinder.
Gut, diese Geschichte würde sich mir anders aufdrängen, aber sei es drum.
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