Richtplatz Kloster Reichenau am Bodensee
Das mittelalterliche Recht der dezentralen Gerichtsbarkeit bei Adel und Kirche wirkte noch lange in die Neuzeit hinein, die ab dem 16. Jahrhundert beginnt. In dieser Zeit hatte das Kloster noch einige Menschen hinzurichten, denn es ließ eine neue Richtstätte neben der Hauptverkehrsstraße des Bodensees errichten. Vielleicht aber reicht die Nutzung des Areals weiter zurück in die Vergangenheit. Der Platz war wohl überlegt. Sein Anblick sollte die Menschen einschüchtern, sich nicht mit der Obrigkeit anzulegen.
Schon seit dem 9. Jahrhundert hat das Kloster Reichenau das Recht über die Menschen zu richten. Kirche und Adel hatten ähnliche Rechte – wie beispielsweise die Verfügung über Menschen als Leibeigene oder die Gerichtsbarkeit. Diese bekam man vom König verliehen, um für Ordnung zu sorgen. Das Amt des Richters kam dem obersten Herrn zu, was in diesem Kloster der Abt war.
Zu der oberen Gerichtsbarkeit zählten auch Todesstrafen, wobei die Auswahl an Exekutionsmöglichkeiten mannigfaltig waren. Die Hinrichtungen waren öffentlich, um die Macht der Institution zu verdeutlichen. Die Hinrichtungen wurden an einem Ort, einer sogenannten Richtstätte, vollzogen.
2020 entdeckten Forschende den Richtplatz, der etwa 2 Jahrhunderte in Betrieb war. Man fand gemauerte Fundamente eines Galgens. Dieser bestand aus Holz, war dreieinhalb Meter hoch und so breit, dass zwei Personen gleichzeitig gehängt werden konnten.
Dass der Galgen auch genutzt wurde, erkennt man an der Erneuerung 1653 und dem wiederholten Ersetzen des Querbalkens bis 1770. Tatsächlich war der Allgemeinheit der Richtplatz noch bis ins 19. Jahrhundert bekannt.
Aber auf diesem Platz vollzog man viele Todesstrafen. Neben dem Hängen wurden die Delinquenten hier auch gerädert oder mit dem Schwert enthauptet. Auch Scheiterhaufen gab es an dieser Stelle am Bodensee. Die sterblichen Überreste wurden, teils noch gefesselt und auf dem Bauch liegend, unter die Erde gebracht. Manche Leichen hingen auch eine Weile am Galgen, sodass Körperteile herabfielen.
Die Verurteilten wurden vermutlich per Boot von der Insel zur Richtstätte gebracht. Wie viele Menschen dort vom Leben zum Tode gebracht wurden, ist unklar. Es werden etwa zwei Dutzend Leichen vermutet. Die meisten Hingerichteten waren erwachsene Männer über 20 Jahre. Die letzte Urteilsvollstreckung fand kurz vor der Aufklärung bzw. der Säkularisierung im Jahr 1770 statt.
Man fand den Galgenacker durch die Bauarbeiten an der Straße. Die neue Brücke wurde daher „Galgenbrücke“ benannt.
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