Alemannen und Franken I: Woher sie kamen und wer sie waren?
Die Antike endet in Oberschwaben wie in weiten Teilen Europas: Die „Barbaren“ stürmen die Zivilisation und lösen ein neues Zeitalter aus: das Mittelalter. In der Übergangsphase wandern Menschen aus dem Norden in den Süden. Diese Migrationsbewegung stößt auf die Ausgrenzung des Römischen Imperiums. Es ist die Zeit der Völkerwanderung.
Aus der Republik Rom wurde um die Zeitenwende eine Monarchie und aus der Monarchie wurde im 3. Jahrhundert eine Militärdiktatur. Die politische Entwicklung zerstörte die Einheit des Imperiums, das ab 395 in Ost- (später Byzanz) und West-Rom geteilt war. Die Gründe dafür sind mannigfaltig. Es besteht jedoch auch eine Verbindung zu den germanischen Raubzügen ins römische Reich, die im 3. Jahrhundert zunahmen.

Viele germanische Stämme drängten bereits seit dem 2. Jahrhundert nach Süden und fielen wiederholt ins Römische Reich ein. Vor allem Rätien (Schwaben/Bayern/Schweiz), Pannonien (Westungarn), Mösien (Serbien/Bulgarien) oder Dakien (Rumänien) wurden angegriffen. Es waren verschiedene Stämme. Darunter die Markomannen – nach ihnen sind die Kriege benannt –, Quaden, Vandalen, Langobarden, Bastarnen, Hermunduren und Narisker. Die Franken und Alemannen gab es damals noch nicht. Die sogenannte Völkerwanderung hatte eingesetzt, wenngleich davon damals keiner sprach.
Die Römer richteten Verträge ein und einigten sich mit den Stämmen. Doch diese vereinten sich zu größeren Verbänden und so wurden die Karten neu gemischt. Ab dem 3. Jahrhundert sind die Franken und die Alemannen unter diesen Stammesverbänden.
Der Limes schien bis zum 3. Jahrhundert nach Christus eine unüberwindbare Anlage zu sein. Über etwa 150 Jahre schützte er das Römische Imperium weitgehend vor Überfällen der germanischen Stämme.
Der germanische Ursprung befindet sich im Gebiet zwischen Nord- und Ostsee. Im 3. Jahrhundert siedelten sie bereits im gesamten norddeutschen Raum – vom Rhein bis zur Oder. Was sie zur Migration antrieb, ist bis heute unklar. Das Klima, der Reichtum Roms und später die Hunnen im Rücken sind dabei Favoriten.
In dieser Zeit begannen diese Imperiumsgrenzen zu wanken. Der Kaiser entschied, die Truppen vom Limes im Norden abzuziehen und sie gegen die Perser einzusetzen. Diese Lücke nutzten die germanischen Stämme für Beutezüge ins römische Gebiet. Immer mehr Soldaten wurden abgezogen und gleichsam siedelten auch mehr Menschen am Limes, die die verlassenen Anlagen im 3. Jahrhundert einfach überschritten.
Auf die Macht des Militärs konnte in Rom niemand pfeifen und so waren es die Soldaten, die die Kaiser legitimierten. Und das römische Heer bestand zunehmend aus sogenannten Barbaren, die als Söldner anfingen und die ab dem 4. Jahrhundert hohe Posten bekleideten.
Einen tiefen Stich erlebte das Imperium Romanum im Jahr 410, als die Hauptstadt Westroms geplündert wurde. Das Herz des weströmischen Reichs hörte etwa um das Jahr 476 auf zu schlagen, als der Ostgote Odoaker den letzten römischen Kaiser entmachtete.
Woher kommen die Franken?
Die Franken sind in der Geschichte eher zu fassen als die Alemannen. Beiden gemein ist aber, dass es keine kleinen Stämme, sondern Stammesverbände waren. Die Franken formten sich ab dem 3. Jahrhundert aus den einstigen Stämmen der Brukterer, der Chamaven und der Salii.
Mit den Römern begannen sich die Franken zu arrangieren. Im Jahr 406 stellten sich die Franken mit Rom gegen die Vandalen, die Alanen und die Sueben (Schwaben). Fast 50 Jahre später halfen die Franken die Hunnen vernichtend zu schlagen. Die Franken bekleideten hohe Ämter im niedergehenden Staat und kannten die römischen Gepflogenheiten. Den Römern galten die Franken – anders als die Alemannen – als treue Vertragspartner. Doch Roms beste Zeiten waren bereits vorbei.
Die Franken kamen aus dem norddeutschen Rheinraum und siedelten mit der Genehmigung Roms nach Gallien über. Die Salii stellten die wichtigsten Franken und saßen als Salfranken alias Merowinger ab dem 5. Jahrhundert auf dem fränkischen Thron. Der Name der Franken bedeutet frei und lebt in ‚frank und frei‘ noch weiter. Sie kämpften gerne mit der sogenannten Franka, einer Wurfaxt.
Der römische General und Statthalter, Childerich I, war Salfranke. Nach dem Ende Roms 476 sehen sich die Franken als Nachfolger. Allerdings gab es noch einen letzten römischen Außenposten, eine Art Militärverwaltung in Mitteleuropa. Es handelte sich um das Gebiet von Syagrius im heutigen Nordfrankreich. Die Franken besiegten ihn 486 unter dem neuen König Chlodwig, der quasi damit das Frankenreich, aus dem später Frankreich und Deutschland entstanden, begründet.
Woher kommen die Alemannen?
Die Alemannen beziehen ihre Leute aus den germanischen Stämmen der Semnonen, Hermunduren oder Juthungen. Viele Alemannen stammen aus dem Gebiet zwischen Ostsee und Elbe, aber auch aus ganz anderen Gebieten Nord- und Osteuropas.
Auch die Gruppe der Suebi, die namensgebenden Schwaben ab dem 6. Jahrhundert, füllten die Reihen der Alemannen. Es war schon eine größere Gruppe verschiedener Stämme, die sich auf Wanderschaft begaben. Ihr Merkmal war ein Knoten in den Haaren. Schon Caesar kannte die Suebi, die im ersten vorchristlichen Jahrhundert mal mit mal gegen die Römer kämpften.
Der Stammesverband der Alemannen formierte sich erst bei seiner Ankunft. Die Menschen zogen als Semnonen oder Bucinobanten los, wurden aber mit den vorhandenen Raetovarier und Lentienses zu den Alemannen, als der römische Limes wegbrach.
Denn die Alemannen, das sagt schon der Name, waren ein loser Verbund unterschiedlichster Stammeszugehörigkeiten. Anders als bei den Franken konnten alle, auch versprengte Gruppen den Alemannen beitreten. Es gab keine feste Struktur und Ordnung, wie es bei den Franken der Fall war.
Wie sich die Alemannen anfänglich selbst sahen oder nannten, ist unbekannt. Ob sie überhaupt einen Namen hatten oder wie der Begriff Alemannen in die Welt kam, ist ebenfalls unbekannt. Vielleicht brauchten sie einen neuen Namen, einen Kunstbegriff um niemanden zu bevorzugen.
Daher kann man nicht sagen, woher die Alemannen kamen – es war der bunte Trupp der Alle Mannen.
Das alemannische Siedlungsgebiet im 5. Jahrhundert reichte von der Schweiz bis zum Elsass, vom heutigen Thüringen bis nach Österreich, von Frankreich bis nach Böhmen. Im Nordwesten grenzten die Franken an das Gebiet der Alemannen, die Thüringer im Nordosten. Im Südwesten lag das Gebiet der Burgunder und im Südosten das der Ostgoten, die Norditalien beherrschten.
Die erste Erwähnung der Alemannen erfolgte nachdem sie in Gallien einfielen und anschließend im ersten Alemannenfeldzug besiegt wurden. Sie wurden noch vor den Franken erwähnt, die sich den Römern unterordneten.
Die Alemannen paktierten auch mal mit den Römern, wenn es ihnen opportun erschien. Allerdings brachen sie diese Verträge recht häufig – im Gegensatz zu den Franken. Die Unverlässlichkeit war der Gemengelage der Alemannen geschuldet. Anders als die Franken hatten sie keinen König. Es waren quasi die Anarchos unter den germanischen Stämmen.
Im vierten Jahrhundert wurden Alemannen in einigen römischen Quellen erwähnt. Darunter auch einige alemannischen Herrscher: Ammian, Agenaricus (Serapio), Chnodomarius, Urius, Vestralpus und Vithicabius. Dabei handelte es sich aber nicht um Könige oder Anführer, sondern um Heerführer. Es sind die Gegner der Römer in Grenzkonflikten mit den Alemannen, die auch den einen oder anderen Sieg errungen hatten. Dabei trafen sie mutmaßlich auch bereits auf fränkische Truppen, die auf der Seite Roms kämpften.
Mit dem Ende Roms beginnt der Kampf um das Erbe, das Europa verschlingen wird. Die kriegerische Kultur der neuen Machthaber, wird das Mittelalter dominieren. Jetzt zur 5. Jahrhundertwende stehen sich die Franken und die Alemannen in Schlachtordnung gegenüber.
Alemannische Religion und Lebensweise
Was allen germanischen Stämmen gemein war, waren die Götter und der Totenkult. Wobei die religiöse Vielfalt vermutlich weniger dem Stamm als mehr der Sippschaft geschuldet war.
Tatsächlich ist wegen der ausgebliebenen Texte wenig über die speziellen Eigenheiten der alemannischen Religion bekannt. Wie die anderen Germanen haben sie ihre Sitten von ihren Vorfahren übernommen. Sie verehrten Bäume, Flüsse, Hügel und Klüfte. Sie opferten Tiere auf den heiligen Orten qua Enthauptung. Viele Semnonen sahen in Seen, Sümpfen oder Mooren heilige Orte.
In Oberschwaben gibt es aber nur wenige Belege für religiöse Kulthandlungen. Man fand vor allem Hausopfer. Vielleicht übernahmen sie die Kultorte der Kelten, deren Kultur der germanischen ähnlich war.
Die Lebenserwartung der Alemannen war nicht sehr hoch. Von den 813 Skeletten des Gräberfelds bei Weingarten waren etwa 20 % älter als 60 Jahre. Und sie waren etwas kleiner, als wir es heute sind.
Ein Fund eines Mannes aus Truchtelfingen aus dem 7. Jahrhundert zeichnet ein Bild voller Krieg und Krankheiten – von Arthrose über Knochenhautentzündungen bis zu einer verwachsenen Hüfte. Dagegen war die Zahnhygiene bei den Alemannen eher schlecht ausgebildet, viele Skelette wiesen Karies auf. Dazu kamen auch mal Arthritis, Gelenkdeformationen und Rheuma.
Der Mann aus Truchtelfingen wurde zwar 60 Jahre alt, aber er starb in dem hohen Alter im Kampf. Ein anderes Gräberfeld beschreibt viele Kriegsverletzungen von Männern. Man kann also durchaus sagen, dass die Kultur kriegerisch war.
Zusammenfassung: Die Franken und Alemannen kamen aus dem Norden und formierten sich im 3. Jahrhundert zu Stammesverbänden. Die Franken ordneten sich den Römern unter und übernahmen deren Vorstellung von Hierarchie und Führung. Die Alemannen hingegen formierten sich als loser Verbund, deren Gemeinsamkeit das Siedlungsgebiet und Raubzüge waren. Sie hatten keinen König und sie waren keine einheitliche Truppe. Die kriegerische Kultur der germanischen Stämme und der Expansionswille führten zum Konflikt – nicht nur zwischen Franken und Alemannen. Einer der beiden Stämme wird die anderen besiegen und Europa den christlichen Glauben aufzwingen. Mit dem Wegfall des römischen Imperiums ist ein Machtkampf um die Vorherrschaft ausgebrochen. Dazu mehr im nächsten Artikel.
