Burg und Kirche Hailtingen | Truchessische Schulden und ziviler Ungehorsam

Hailtingen: Ein seit der Antike besiedelter Flecken Oberschwabens, der im Mittelalter in einen adeligen und einen kirchlichen Teil zweigeteilt war. Der Herrscher im adeligen Teil war der Truchsess von Waldburg, der auch die Einwohnenden des Orts gegen sich aufbrachte.

Hailtingen liegt umgeben von Feldern zwischen Dürmentingen und Göffingen. Dass es in der Renaissance ein Ort des zivilen Ungehorsams war, lässt sich kaum erahnen. Viele kennen den Ort von der Durchfahrt auf der B312. Seine Lage machte den Ort wohl immer schon begehrt und vielleicht war er deshalb schon zur Zeit der Kelten besiedelt. Das geringere Gefälle auf dem Weg vom Bussen zur Heuneburg dürfte die Streckenführung durch Hailtingen schon in der Antike beeinflusst haben.

Kirche Dürmentingen-Hailtingen

Hailtingens geheimnisvolle Geschichte

Was zu keltischen Zeiten hier stand und ob es gar einen kultischen Faktor in Hailtingen gab, ist heute nicht mehr zu klären. Jedoch wurden hier hohe keltische Anführer beerdigt, denn die normalen keltischen Vorfahren erhielten kein Begräbnis. Die Gräber in Form von Hügeln (siehe auch Hohmichele) befinden sich auf den Gemarkungen Weiherspan und Lachenhau. Sie wurden in der Hallstattzeit aufgetürmt, der ersten Blühte der keltischen Kultur. In der sogenannten LaTène-Zeit, die sich an die Hallstattzeit anschloss, veränderte sich das Leben der Menschen und damit ihre Kunst und Kultur. Es muss eine Art soziale Revolution stattgefunden haben, wovon nur wenige Indizien berichten.

Dann hüllt sich zwischen 1100 und 1150 oder spätesten 1275 das geschichtliche Dunkel über den Ort. Der urkundlich erwähnte Name Haitingin stammt vermutlich von einem Alemannen namens Halto. Mit der fränkischen Übernahme wurden die meisten Alemannen enteignet und neu vergeben.

Wer die hochmittelalterlichen Ministeriale von Hailtingen waren und wo ihre Burg genau stand, bleibt ein Geheimnis dieser Zeit. Das Dorf war lange Zeit zweigeteilt in Kirchen- und Burghailtingen. Die Kanzach war offenbar die Grenze, sodass sich die Burg vermutlich südlich davon befand.

Die Ortsteile wurden um 1590 zu Unter- und Oberhailtingen. Die Teilung des Orts, der sich über die Jahrhunderte hinzog, zeigt sich bis heute im Wappen. Und diese Trennung geht weit zurück ins Hochmittelalter.

Zunächst gehörte Hailtingen ins Territorium des Grafen von Veringen. Diese Grundherrschaft hatten ab 1300 die Österreicher vom Kloster Reichenau als Lehen erhalten, die es an die Waldburger weiter verliehen. Wobei es zunächst der trauchburger Linie der Waldburger gehörte. Auch zwischen diesen Familien gab es Streitigkeiten über die genaue Besitzverteilung. Der kirchliche Teil von Hailtingen verblieb seit der Teilung 1359 im Besitz des Klosters Reichenau, das es 1562 dem Domkapitel in Konstanz übergab.

Die Herrschaft Waldburgs und die Streitereien

Ab dem 15. Jahrhundert geben die mittelalterlichen Urkunden mehr über Hailtingen preis, denn es ziehen sich aktenkundige Streitigkeiten durch die Ortsgeschichte. Dass es dabei um Ressourcen ging, macht der Vertrag aus dem Jahr 1473 deutlich. Erstmals wird zwischen Göffingen und Hailtingen ein Viehaufschlag erwähnt, eine Zusatzpacht für Viehhaltung.

In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts entflammte ein Streit zwischen dem Truchsess von Waldburg und seinem Nachbarn (Jos von Hornstein-Göffingen) über den genauen Grenzverlauf der Güter. Im Jahr 1538 beschied das Reichskammergericht in Speyer einen entsprechenden Schiedsspruch.

Viele Güter des Orts wurden im Mittelalter einzeln verliehen. Solch ein Lehen war die Mühle, die die Familie Storer 1562 erhielt. Es gab ein Feldlehen, das betraf die Kirche St. Paulus Hailtingen und es gab eine Lehen-Schmide. 1712 wurde ein Verzeichnis über die herrschaftlichen Lehen und Güter in Hailtingen erstellt, um nicht den Überblick zu verlieren.

Huldigungseklat der Truchsessen

Seit Jahren, so erzählen es die Urkunden von 1610, rebellieren die Menschen in den Dörfern rund um Hailtingen. Es mag mehrere Gründe gehabt haben, aber die hohe Abgabenlast gab wohl den Ausschlag.

Dennoch verlangte der Truchsess 1610 eine Huldigung, aber viele Menschen blieben dem fern. Die Huldigung ist die offizielle Anerkennung und damit ein Teil des mittelalterlichen Herrschaftsverhältnisses. In Altheim und Unlingen hob der Kaiser das sogar auf, ein Affront. Doch in den anderen Dörfern galt es dennoch.

Über das Fernbleiben von der Huldigung erzürnt, griff der Truchsess durch. Es gab Zwangsmaßnahmen mit Gewalt, rechtlichen Schriften und Beschwerden bei anderen Adeligen, um deren Beistand anzufragen. Einige wurden vertrieben, andere gingen freiwillig (nach Ehingen) und wieder andere aus Unlingen und Altheim wurden inhaftiert.

Der Truchsess legte sich auch mit dem Domkapitel in Konstanz an, die ihn 1611 offenbar nicht als Vogt einstellen wollten. Der Grund blieb mir verschlossen, doch es liegt nahe, dass der Waldburger nicht gerade eine beliebte Person in der Gegend war. Jedenfalls verlor er den Prozess und blieb auf den Kosten sitzen.

Als 1618 der Dreißigjährige Krieg ausbrach, nahm der Truchsess eine Musterung vor und prüfte die Anzahl möglicher Soldaten in den Städten Riedlingen, Saulgau, Mengen, Munderkingen, Altheim, Unlingen, Offingen, Dentingen und Hailtingen. Die Menschen und der kaiserliche Hof protestierten dagegen.

Das 17. Jahrhundert war für die Menschen über weite Jahrzehnte eine extrem entbehrungsreiche Zeit. Da weite Teile Mitteleuropas nach dem Dreißigjährigen Krieg fast entvölkert waren, war der Hunger ein alltäglicher Begleiter. Die Wirtschaftsleistung war gering, das machte sich auch beim Adel bemerkbar.

Truchsessen von Waldburg und die Schulden

Die Truchsessen von Waldburg hatten über die Jahre hinweg immer wieder finanzielle Unterstützung vom Domkapitel in Form von Anleihen erbeten. Diese Anleihen wurden häufig durch die Verschreibung von Einkünften aus verschiedenen Gebieten, darunter Hailtingen, Dentingen, Mengen und anderen Orten in der Schweiz, abgesichert. Der Truchsess Wilhelm Heinrich beispielsweise verschrieb 1642 Einkünfte aus verschiedenen Liegenschaften, darunter auch Hailtingen, als Sicherheit für ein Darlehen von 4000 Gulden.

Der Betrag würde heute, gemessen an der Kaufkraft etwa 40 Millionen Euro ausmachen. Und das, während der Dreißigjährige Krieg in Form von plündernden Schweden im Land tobt. Der Truchsess finanzierte damit unter anderem die Vermählung seines Sohnes. Auch in den nachfolgenden fünf Jahren gibt es Belege über finanzielle Verpflichtungen der Truchsessen gegenüber dem Domkapitel Konstanz.

Die wiederholte Rückforderung durch das Domkapitel intensivierte sich, sodass eine kaiserliche Kommission ausgesandt wurde, um sicherzustellen, dass die Truchsessen ihren finanziellen Verpflichtungen nachkommen. Diese Kommission sollte auch die verschiedenen Einkünfte der Truchsessen untersuchen. Dies führte zu weiteren Spannungen zwischen den Truchsessen und dem Domkapitel. Der Truchsess holte sich die Lehnshöfe zurück. Auch die Verwandten von der trauchburger Linie der Waldburger waren involviert. Denn ursprünglich gehörte ihnen das Land von Haitlingen.

Das Bistum drohte 1662 die Wiedererlangung der Lehenshöfe mit einer Besetzung zu verwirklichen, schließlich waren sie die Sicherheit für die Rückzahlung. Doch die Anstrengungen waren nicht von Erfolg gekrönt. Während der Truchsess sich weigerte zu zahlen, stiegen seine Schulden immer höher.

Im Jahr 1655, der Dreißigjährige Krieg war inzwischen beendet, verweigerte die Herrschaft am Bussen, konkret der Freiherr von Stotzingen zu Heudorf am Bussen zu Hailtingen, dem Mesner seinen Verdienst. Der Lohn war das täglich Brot. Dieser Konflikt scheint sich auch am ewig verschuldeten Truchsessen zu entzünden.

Die Jahrzehnte vergingen und der Truchsess zahlte immer noch nicht. Österreich entband die Truchsessen kurzfristig von der Herrschaft über die Gebiete. Das wurde mit dem Vertrag 1680 wieder geglättet, wogegen sich aber die Einwohnenden der Dörfer rund um Hailtingen wehrten.

Renitenz Hailtingen und die Feldzüge des Truchsessen

Die Bevölkerung sollte mehr Abgaben leisten, was ihnen zu der Zeit kaum möglich war. Sie beschwerten sich beim Kaiser in Wien, der sie ermunterte, sich vom Truchsessen loszusagen. In der Folge verweigerte sich die Bevölkerung den Befehlen des Truchsessen. Das Wort Renitenz ist in den Urkunden der Zeit vermerkt. Der Konflikt spitzte sich zu, zumal die Entbehrungen des Kriegs immer noch an den Menschen nagten.

Der Truchsess von Waldburg spielte schon während des Bauernkriegs im vorangegangenen Jahrhundert eine unrühmliche Rolle. Und Oberschwaben war nicht zuletzt wegen der religiösen Konflikte zwischen Protestanten und Katholiken, worüber sich der Dreißigjährige Krieg entzündete, weitgehend polarisiert.

Im Jahr 1681 kam es schließlich zu einem Showdown. In einem Feldzug ging der Truchsess gegen die renitente Bevölkerung vor und dabei fokussierte er Unlingen, Altheim und Hailtingen, wo sich die Lehenshöfe befanden. Das Ergebnis war eine noch frustriertere Bevölkerung.

Gegen die Renitenz der Bevölkerung gab es 1682 eine kaiserliche Kommission, was zu neueren Beschwerden durch die Menschen führte. Diese beantwortete der Truchsess im Jahr 1683 mit einem weiteren Feldzug. Was im Nachspiel geschehen ist, bleibt im Dunkel der Geschichte. Aber erst am 24. November 1695 wurde der Truchsess von den Österreichern wieder in Amt und Würden gesetzt, der bis 1786 herrschte. Die Konflikte um Hailtingen, die Lehenshöfe, die Frage der Abgaben und Schulden, zogen sich noch weiter.

Nach der waldburgischen Herrschaft wurde der Ort Teil des Gebiets von Thurn und Taxis, das 1806 Teil von Württemberg wurde.

Kirche St. Georg in Hailtingen

Die Kirche wurde 1275 erstmals erwähnt und sie war seit jeher dem Heiligen Georg gewidmet. Das Reichenauer Patronat übernahm 1359 das Bistum Konstanz. 1803 erhielt das Patronat Baden, 1829 verkauften sie es an das Haus Fürstenberg.

Die Kirche, das verdeutlicht schon der abgestufte Kirchturm ist ein spätgotisches Produkt, das im 18. Jahrhundert barockisiert wurde. Auch der Spätbarock, Rokoko genannt, ist innen besonders am Stuck auszumachen. Der heutige Bau ist im Grundansatz aus dem 15. Jahrhundert. Der eingezogene Chor wird von einem Rundbogen umrandet und auf der westlichen Seite befindet sich eine Empore, die ebenfalls Stuck aufweist.

Die Malereien im Chor spielen auf Maria an, die als Sternenzelt über den Figuren der (damals bedachten) vier Erdteile wacht. Sie verneigen sich vor der Kirche, symbolisiert durch das Kreuz. Im Langhaus ist ebenfalls Maria an der Decke, der Mariä Himmelfahrt. Vom Stuck eingefasst sind Ambrosius von Mailand, Augustinus von Hippo, Gregor der Große und Hieronymus. Ihnen ist gemein, dass sie grundlegend für die Entwicklung der katholischen Lehre und der Kirche waren. Sie gelten als die vier Kirchenväter des römisch-katholischen Glaubens.

Des Weiteren sind die Bleiglasfenster interessant, die mit beispielsweise der Märtyrerin Crescentia und dem Brückenheiligen Johannes Nepomuk aufwarten. Die Darstellung des sterbenden Jesus ist um das Jahr 1500 entstanden.

Die Altäre weisen vor allem barocke Züge auf. Sie kamen in der Zeit, als die Bevölkerung gegen den Waldburger Herrscher aufbegehrte. Womöglich nahmen die alten Schaden. Diese Altäre stammen aus der ehemaligen Liebfrauenkirche in Ehingen. Sie zeigen die Anbetung Jesu durch die Heiligen Drei Könige, die Krönung Mariä und die Unbefleckte Empfängnis ist auf dem zentralen Altarblatt abgebildet. Die Kanzel ist aus dem Jahr 1700 und spiegelt die Altarfarben wider.

Wo befindet sich die Kirche

  • Kirchstraße 18
  • 88525 Dürmentingen
  • GPS: 48.14498535366353, 9.53044230613879

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