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St. Georg | Kirche in Oberzell auf der Reichenau

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Die St. Georgskirche aus dem Frühmittelalter in Oberzell auf der Insel Reichenau ist wegen der frühmittelalterlichen Wandfresken bekannt.

Vor allem wegen der romanischen Malereien aus der Zeit um 1000 ist die Kirche ein touristisches Highlight auf der Insel, neben dem Kloster Reichenau in Mittelzell. Die Malereien aus dem Frühmittelalter kann man sich im Museum gegenüber ansehen. Die Insel im Ganzen und die Kirche im Besonderen sind Teil des Weltkulturerbes der UNESCO.

Romanische St Georgskirche Reichenau

St. Georg | Reliquien am Bodensee

Der heilige Georg, der Erzmärtyrer und Reiterheilige, wurde im Mittelalter stark verehrt. Er starb im 3. Jahrhundert für seinen Glauben. Legenden über seine Taten verbreiteten sich zu Beginn des 8. Jahrhunderts in Europa – von Italien nach Norden. Im Jahr 896 erhielt der Abt des Klosters Reichenau, Hatto III., Reliquien vom Papst. Und dazu gehörte auch ein Stück des Kopfs des heiligen Georgs, so die Überzeugung.

Zurück am Bodensee gründete er eigens für diese Reliquie des heiligen Georg eine Kirche – die St. Georgskirche in Oberzell. Das war offenbar ein Katalysator für die Georgsverehrung in mittelalterlichen Oberschwaben. Gemäß der Gründungslegende soll der vorherige Abt, Ruadhelm, die Kirche in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts gegründet haben. Das erscheint jedoch unwahrscheinlich.

Das Stückchen Land wurde zwar bereits von Abt Heito I. in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts bereitgestellt, aber erst Hatto III. gründete an der Stelle 896 die Kirche St. Georg – zu dessen Gedenken. Auch die im ausgehenden Mittelalter erwähnten Chorherren, samt Propst, waren vermutlich dazugedichtet worden, da die Zeitgenossen davon nichts berichteten. Es war also zunächst kein eigener Konvent, sondern nur eine Kirche zur Aufbewahrung der Reliquien.

Ab dem 11. Jahrhundert ändert sich das aber, so berichtet Abt Berns über die Geistlichen, die nach den Regeln eines Konvents leben – sowohl in Nieder-, als auch in Oberzell. Ende des 10. Jahrhunderts gab es eine Krise im Mittelzell und so verließen einige Mönche das Kloster und gingen nach Nieder- oder Oberzell.

Ob sich die Glaubensgemeinschaften in Oberzell bei der Kirche St. Georg bis ins 12. Jahrhundert hielten ist nicht sicher. Aber ab 1200 werden sie den Urkunden wieder erwähnt. St. Georg ist fortan ein Kanonikerstift, also eine Glaubensgemeinschaft. Zu dieser Zeit wird auch der Chorherrenstift angebaut, der noch bis zum 16. Jahrhundert existierte. 1274 wird das Gotteshaus als Pfarrkirche erwähnt. Wann der Stift als Glaubensgemeinschaft endete, ist unbekannt.

St. Georg | Romanische Kirche des spätkarolingischen und ottonischen Stils

Der Bau der Kirche begann vermutlich um das Jahr 888 im Stil der Romanik. Genauer gesagt ist es im Ursprung im spätkarolingischen Stil. Das erkennt man noch heute an den dicken Mauern und den verhältnismäßig kleinen Fenstern, sowie den stützenden Mauerrampen. Die Besonderheit liegt darin, dass die Apsis im Westen liegt. Normalerweise liegt die Apsis im Osten.

Um das Jahr 1000 wurde die Kirche im ottonischen Stil umgebaut, zu dieser Zeit entstanden auch die Wandmalereien im Mittelschiff. Es entstand eine dreischiffige Basilika mit einem Flachdach und stützenden Säulen. Ein Quergebäude schloss sich im Osten an. Der zweigeschossige Vorbau vor der Apsis dient als Vorhalle.

Die Krypta, in der vermutlich ursprünglich die Reliquie lag, befindet sich unter der Kirche, genauer unter dem Chor. Der Chor ist quadratisch und von vier Säulen umgeben. Im Zentrum befindet sich der Altar.

Der Turm und die Seitenschiffe, die abgesenkt liegen, entstanden erst später. Das Langhaus war der erste Teil der Kirche, die auf einem kleinen Hügel steht und worin sich auch die Fresken befinden. Um 1000 kam eine runde Apsis hinzu. Vielleicht, so einige Forschende, wollte man einen besseren Zugang zur Reliquie schaffen. Das Gebäude war für eine Kirche des 10. Jahrhunderts schon sehr groß, offenbar rechnete man mit einem hohen Ansturm.

Die Vorhalle und die Michaelskapelle im oberen Bereich wurden im 11. Jahrhundert errichtet und auch im Inneren änderte manch ein Detail.

Museum St Georg Reichenau

Museum St Georg Reichenau

Wandfresken in der Kirche St. Georg | Reichenau

Einige der romanischen Malereien sind vor dem Jahr 1000 und einige im Laufe des sich anschließenden Jahrhunderts entstanden. Die Malereien sind gut erhalten und damit das auch so bleibt ist die Kirche verschlossen. Aber es gibt vis-à-vis ein Gebäude, in dem alle Malereien als Fotografien ausgestellt sind. Einsichten in das Kirchengebäude sind nur mittels einer Führung möglich.

Die Wandmalereien reichen von der Decke bis zu den Säulen und sind rot umrandet: vier Meter breit und zwei Meter hoch. Mit dem Erstellungsjahr um die erste Jahrtausendwende gehören sie zu den ältesten Malereien des Frühmittelalters nördlich der Alpen.

Obgleich es die St. Georgskirche ist, drehen sich die Fresken vor alle um Jesus, respektive seine Wunder. Als Gottessohn hat er in den Bildern eine überirdische Wirkung was mittels der überdimensionierten Darstellung erreicht wurde, die aber dennoch eine Nähe zum Menschen darstellen soll. Nun in den Bildern, in denen er zwei mal vorkommt, ist er normal groß.

Da die meisten Menschen des frühen Mittelalters, inklusive des Adels, nicht lesen oder schreiben konnten, dienten die Bilder der Erzählung der Geschichten der Bibel – und selbstverständlich das Wort des Predigers. Die Bilder auf den beiden Seiten sind im Uhrzeigersinn zu verfolgen, beginnend mit der Nordwand im Westen – mit dem Bild der Heilung des Besessenen von Gerasa. Die Reihenfolge ist: Nordwand von Westen beginnend über den Altar zur Südwand von Osten, zurück nach Westen. Daher spricht man auch von einem Bilderzyklus.

Das Thema der Bilder ist Jesus als Herrscher über die Krankheiten, die Natur und den Aberglauben. Auf der seezugewandten Seite sind alle Wunder, die mit Wasser in Verbindung stehen und auf der Seite zum Friedhof, die Wunder, die sich mit der Auferstehung beschäftigen. Unter dem Bild steht die jeweilige Szene in lateinischer Sprache.

Heilung des Besessenen von Gerasa. Bei dem Wunder geht es um die Bibelstelle Markus 5,1-20. Die Stelle ist bekannt wegen des Zitats: „Jesus fragte ihn: Wie heißt Du? Er antwortete: Mein Name ist Legion; denn wir sind viele.“ Es handelte sich also um einen Schizophrenen, wie man heute sagen würde.

Heilung des Wassersüchtigen. Nach Lukas 14,1-6, in der Jesus einen Mann heilt und die Pharisäer bloßstellt.

Beruhigung des Sturms auf dem See Genezareth. Jesus befiehlt dem Wind, nach Markus 4,35-41

Heilung des Blindgeborenen. Jesus heilt in der Passage (Johannes 9,1-38) einen Mann, der von Geburt an blind war, mit Spucke und Sand.

Heilung des Aussätzigen. Markus 1,40-45: Jesus heilt einen Mann durch Handauflegen. Das führte zu einem „Run“ auf Jesus, denn alle wollten geheilt werden.

Auferweckung des Jünglings von Naim. Nach Lukas 7,11-17 holte Jesus einen Toten zurück ins Leben.

Auferweckung von Tochter des  Jairus. Eine Frau wird geheilt, als sie das Gewand von Jesus berührt und er belebt die Tochter des Synagogenvorstehers Jairus wieder (Markus 5,21-43).

Auferweckung des Lazarus. In Johannes 11,1-45 steht geschrieben, dass der Kranke Lazarus aus Bethanien verstarb. Jesus holte ihn nach vier Tagen aus dem Totenreich zurück.

Die Richtung wird von den Mäandern vorgegeben, das sind Ornamente in der Verzierung und der Hauptact kommt dramaturgisch korrekt am Schluss mit Lazarus. Die Bilder haben immer Referenzen zur Insel Reichenau im Bodensee. Schon beim ersten Bild sieht man der Gründungsvater der Abtei auf der Reichenau: Primin und die Legende der Gründung des Klosters. Ähnliche Bilder finden sich in der Sylvesterkapelle nahe Überlingen und Duplikate sind in der Georgskirche in Ritterbach zu sehen. Die Fresken auf Reichenau entdeckte man erst im 19. Jahrhundert unter dem Putz.

Spottbild, Glocken & Michaelskapelle | St. Georg Reichenau

Im Lichtgaden werden die Apostel dargestellt und zwischen den Arkadenbögen sind die Äbte abgebildet. Am Chor findet sich noch der lateinische Spruch: Christus siegt, herrscht, befiehlt und verteidigt sein Volk gegen alles Böse. Bei den Stufen zum Altar gibt es noch ein Bild aus dem 14. Jahrhundert: Ein sogenanntes Spottbild, das den tumben wibun (dummen Frauen) gewidmet ist. Es zeigt ein Gedicht über Frauen, die zu viel schwätzen – bis eine vor dem Richter landet, auf einer Kuhhaut, die von vier Teufels gedreht wird.

Auch über die Glocken der Kirche muss ein Absatz geschrieben werden: Die drei kleinen und eine große Glocken, vermutlich als Ganzes gegossen, stammen von der Reichenau. Die Glockengießer der Insel genossen im Mittelalter einen guten Ruf. Aber die Reichenau war vor allem wegen der klösterlichen Abschreibarbeit bekannt geworden.

Die Michaelskapelle im Obergeschoss ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Sie stammt in ihrer jetzigen Form aus dem 12. Jahrhundert. Auf der Außenwand ist die Wiederkunft Jesus und das Jüngste Gericht dargestellt. Das Bild ist aus dem 11. Jahrhundert – eines der ältesten seiner Art nördlich der Alpen.

Wo befindet sich die St. Georgskirche?

Die Kirche kann nur bei einer Führung besichtigt werden, die von Mai bis September täglich um 12.30 Uhr und 16 Uhr stattfindet.

  • Seestraße 2
  • 78479 Reichenau
  • GPS: 47.689474, 9.081653
  • Telefon für Führungsanfragen: 07534 – 92070

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