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Oberschwaben vor den Römern – Teil I

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Was war Rätien, das in Teilen erst Jahrhunderte später zu Oberschwaben wird und was war im heutigen Oberschwaben vor der Zeit des römischen Einmarschs? Eine Untersuchung in fünf Teilen.

Da die Kelten und auch die Germanen keine schriftlichen Zeugnisse hinterließen, weiß man das Meiste von den Römern. Deren Zeilen sind selbstredend mit Vorsicht zu genießen, da es sich dabei zumeist um Propaganda-Schriften handelte, die einen bestimmten Zweck verfolgten.

10-Häuser-Freiluftmuseum-Heuneburg

Seit ungefähr 650 vor Christus lebten im heutigen Ländle die Kelten. Die Kultur der Kelten traf des Öfteren auf die Römer in Form von Handel und Schlachten, wobei die Kelten sogar einmal deren Hauptstadt Rom erfolgreich belagerten. Als sie ihre Hochkultur erreicht hatten, war Rom noch ein Fischerdorf. Doch das sollte sich bald ändern. Zur Hochzeit der Heuneburg, war Rom eine mittelgroße Stadt.

Im ersten Jahrhundert vor Christus ändert sich die Karte Europas bedeutend. Die Kelten waren ein loser Verband von Stämmen. Sie stellten keine einheitliche Nation dar.  Der keltische Stamm der Helvetier verließ nahezu gesammelt sein Gebiet im heutigen Süden Deutschlands. Vermutlich gehörte auch das heutige Oberschwaben – zumindest in Teilen – zu diesem Stammesverband der Helvetier. Bis heute ist unklar, warum die Helvetier dies taten. Manche glauben, wegen den sich nähernden Germanen, manche glauben an religiöse Handlungen und auch Krankheiten kann man nicht ausschließen – vielleicht die Pest?

Die Helvetier verbrannten ihre Anlagen und wanderten gesammelt ab. Ihr Ziel war das heutige Frankreich, dort wollte man ein neues Siedlungsgebiet finden. Der damalige Feldherr und Statthalter von Illyrien, Julius Caesar, stoppte den Treck der Kelten. Viele verblieben in der heutigen Schweiz, weswegen das Land heute noch als die Helvetische Republik bezeichnet wird.

Das zurückgelassene Land war aber permanent besiedelt, wobei die Bevölkerung danach stark ausgedünnt gewesen sein dürfte. Die Römer nannten das Gebiet daher die Helvetische Einöde, Deserta Helvetiorum.

Gallier oder Gallien ist die römische Bezeichnung für die Kelten, deren Gebiet von Spanien bis in die Türkei reichte. Allerdings hatten die Kelten keine Grenzbefestigungen und sind nicht mit einem Staatskonstrukt wie Rom vergleichbar. Ihre Gesellschaftsform bestand aus losen Verbänden von einzelnen Stämmen und Sippen, die auch untereinander Krieg führten. Nur einmal reagierten die Kelten wie eine Armee unter der Führung von Vercingetorix. Doch verlor man gegen die Römer im Gallischen Krieg mit der Entscheidungsschlacht von Alesia. Caesar eroberte das heutige Frankreich und machte es zu der römischen Provinz „Gallien“. Als Gallien bezeichnet man heute die französischen Kelten, also die römische Provinz Gallien und dieses ist von den Ausmaßen vergleichbar mit dem heutigen Frankreich. Die keltische Landnahme in Gallien war im Gegensatz zur römischen Eroberung friedlich verlaufen, die Kelten besiedelten das Land lange vor den Römern.

Der Süden des heutigen Deutschlands war aber nicht betroffen und auch die Alpen waren noch kein Teil des römischen Imperiums, aber von der Bevölkerung gallisch oder keltisch. Als die Römer ab dem Jahr 15 vor Christus über die Alpen kommen, werden sie zwei  Kulturen ausmachen: Die Rätier und die Vindelici.

Rätier und Vindelici im vorrömischen Oberschwaben

Das Land war, wie geschrieben, immer besiedelt. Jedoch hat die dünne Besiedlung schon andere Völker angezogen,  bevor die Römer kamen. Die beiden Kulturen der Vindelici und der Rätier waren vermutlich hinzugezogen bzw. haben sich mit der einheimischen Bevölkerung vermischt. Vermutlich waren die damals in Oberschwaben lebenden Menschen bereits in Teilen germanisiert. Die Vindelici werden zwischen Vorarlberg und der schwäbischen Alb verortet, die Rätier siedelten eher im Bereich der Alpen.

Vindelici – Kelten in Oberschwaben

Der römische Schreiber Horaz schrieb, die Vindelici kämen aus Amazonien, also Thrakien (Balkan). Der Grund für seine Vermutung war, dass beide Kulturen eine Streitaxt nutzten. Man fand auch eine Inschrift, die wohl als Fluch oder Rache zu werten ist: S.A.D. Sub ascia dedicavit (Weihe unter der Axt). Horaz hat sich jedoch höchstwahrscheinlich geirrt.

Die Vindelici gelten als Kelten und ihre Name Vindo oder Vando steht für weiß. Die Donau war der weiße Fluss und Wien hieß damals Vindoboda. Andere Übersetzungsmöglichkeiten wären „schön“ oder „glücklich“. Die Religion der Vindelici muss stark keltisch gewesen sein. So fand man Hirschhörner oder Inschriften, die auf die Göttin Reitia schließen lässt. Sie ist die Göttin der Fruchtbarkeit und der Pferde, sie kann vermutlich auch mit Epona gleichgesetzt werden. Genau wie bei den Kelten gab es Kultplätze und Opfer, wie beispielsweise in der Nähe von Bad Buchau, im Vollacher Ried.

Weiteren römischen Quellen nach gab es vier Völker in dem Gebiet des heutigen Voralpenraums: Die Vindelici, die Cosuanetes, die Rucinates, die Licates und die Catentates. Die Verortung der Stämme ist schwer, aber die Cosuanetes könnten direkt am Bodensee gewohnt haben. Die Rucinates siedelten entlang des Inn (andere sagen das wäre falsch) und die Licantes entlang des Lechs. Die Catenates siedelten offenbar entlang der Isar. Der römische Schreiber Strabo schrieb jedoch, dass die Catenates und die Vennonetes Vindeliker sind. Rucinates und Cosanetes sollten rätisch sein. Venno verweist auf die Farbe weiß, wie die Donau – daher ist anzunehmen, dass die Vennonetes entlang der Donau siedelten. Aber es könnte auch ein Gebiet im Norden Italiens gemeint sein. Auch der Bodensee könnte gemeint worden sein, denn der Obersee wird von den Römern als lacus venetus bezeichnet. Die Vennonenses werden von Plinius, einem Römer, am Rhein lokalisiert und den Vindelici zugerechnet. Also großes Rätselraten.

Der griechische Ptolemaios verortete die Vindelici im Osten und die Rätier im Westen der späteren Provinz. Er nennt noch den Stamm der Brigantier, die er zu den Vindelici zählt. Die Brigantier wohnten im heutigen Bregenz, doch ihr Gebiet zog sich vielleicht auch bis zur Argen oder bis zur Schussen.  Der Stamm der Brigantier soll auch der tonangebende gewesen sein, aber manche glauben das Zentrum der Vindelici sogar in Manching – vielleicht kommen sie aus der Region. Vermutlich waren die Vindelici, genau wie die Rätier, eingewandert in das Gebiet des heutigen Oberschwabens.

Daher kann man wohl auch annehmen, dass es mehr als vier Stämme gab. Ebenso sind die Namen Alaunen (Chiemgau) und Estionen (Kempten) in den Quellen genannt. Aber mit der Geografie hatten es die römischen Schreiber nicht so genau. Leider gibt es nur wenig Funde, aber einige Begräbnisstätten. Daher kann man von einer permanenten Besiedlung Oberschwabens in der Antike (Spätlatène) ausgehen.

Rätier – indogermanisches Volk der Alpen

Nach dem erfolgreichen Alpenfeldzug entstand ein Siegesdenkmal als Gedenken des Kampfes gegen die Rätier. Augustus lässt dort die Namen der geschlagenen Alpenvölker eintragen. Weitere Völker sind von der Ostschweiz bis zum Bodensee die Rigusci, die Suanetes, die Calucones und die Bixenetes. Das Volk der Breuni könnten am Brenner gelebt haben. Insgesamt sind 45 Völker genannt worden.

Die Sprache der Rätier gilt als ein Mix aus Keltisch und der Sprache der Illyrer, welche in Richtung Balkan zu verorten waren. Das weiß man von einem niedergeschriebenen Alphabet, welches man in Lugano, in Bozen und im Etschtal fand. Vielleicht sind die Rätier auf Grund der römischen Vorstöße in ihr Gebiet nach Norden verdrängt worden oder auch freiwillig gewandert. Sie waren wohl auch stark von etruskischem Einfluss geprägt.

Die Rätier stellten ebenfalls keinen richtigen Verbund dar, sie entstammen vielleicht der Melaun-Kultur. Wie für die Kelten war für die Rätier die Göttlichkeit dreifach: Ceres, Libera und Liber (oder Icate, was ein Verweis auf Hekate wäre). Ob des keltischen Einflusses, spricht man von einer keltorätischen Kultur. Die Unterschiede verwischten sich im Laufe der Zeit immer mehr.

Bildnis Barbar 2 Jahrhundert

Bildnis Barbar 2 Jahrhundert

Die Rätier exportierten vor allem Holz – Lärchen waren der Absatzrenner. Außerdem sollen die Rätier den Pflug verbessert haben. Schon zur Zeit der Heuneburg, die auch niedergebrannt und verlassen wurde, war die Viehzucht wichtig. Dies war und bleibt ein relevanter Wirtschaftsfaktor im antiken oder heutigen Oberschwaben. Aber man importiere offenbar auch viele Lebensmittel. Es war also eher ein karges Land.

Gut möglich ist auch, dass die Natur die Grenze zwischen den Kulturen bildete. Derart könnten die Rätier in den Bergen und die Vindelici im Flachland gesiedelt haben.

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