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Oberschwaben im Krieg IV – Obernazis, Juden & nach dem Krieg

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Wie war das Leben in Oberschwaben im Krieg unter der Hitler-Diktatur? Der vierte und letzte Teil des Augenzeugenberichts aus den Tagen des zweiten Weltkrieges.

Der Erfahrungsbericht meines Vaters kommt in mehreren Teilen: Der Anfang, die Bomben über Oberschwaben und das sich näherende Ende des Krieges aus der subjektiven Sicht. Die offizielle Version zum Ende des Krieges findet sich hier.

Naziversammlung Bleiche Bad Waldsee zum 1 Mai

Erfahrungsbericht: Haselmaier, Juden und Konsum im Zweiten Weltkrieg in Oberschwaben


Es gab viele Hardliner, wie man heute sagt und die Soldaten, wenn sie nach Hause kamen, erzählten natürlich viel; wie schon erwähnt. Was mir dabei immer und immer wieder auffiel war, dass alle zu Gott beteten  – als letzte Instanz – sonst war da nichts mehr, an das man sich halten konnte.

Der Obernazi in Waldsee, war der SA Mann Haselmaier. Ein Lehrer von Beruf, hatte ein paar Jahre Theologie studiert und kannte sich in der Bibel vortrefflich aus. Er widerlegte in der Schule alle Glaubenssätze, die für einen Katholiken wichtig waren. Aber wir waren von Haus aus sehr gefestigt – das war wie eine Wand. Dieser Mann war der unumstrittene Herrscher über Waldsee. Seine Feinde konnten natürlich nur im Untergrund wirken, also nie direkt – das wäre tödlich gewesen. Und der Uhrenmacher Stärk war als langjähriger Bürgermeister und bekennender Katholik ein Dorn im Auge. Darum schoss er mit seiner Panzerfaust in seinen Laden und der brannte bis auf die Grundmauern nieder. [Anmerkung: Tatsächlich war es wohl ein Hitlerjunge, der sich allein mit einer Panzerfaust den französischen Truppen stellen wollte.] Haselmaier verschwand dann und einen Tag später tauchte er nochmal kurz auf, mit viel Heil Hitler und so, dann verschwand er wieder. In Friedrichshafen hatte er sich dann als Organist verdient gemacht. Und Motto der Geschichte, man kann jedes Studium gebrauchen, im Notfall heißt es halt, auf den Tag warten.

Meine Eltern bezogen ihre Waren [für die Bäckerei] von einem Juden aus Buchau, er hieß Weimersheimer und er hat meinen Eltern ein bisschen gezeigt, wie man ein Geschäft führt. Eines Tages kam er zu uns. Die anderen haben längst nichts mehr bei Juden bestellt und von uns bekam er eine vollen Auftrag. Er schrieb alles sehr sorgfältig auf und am Schluß sagte er: „Ihr seid meine letzten Kunden und wenn ich heute heim komme, wartet schon die Gestapo auf mich. Die wollen mich ins Lager stecken!“ Auf die Frage meiner Eltern: „Bleiben sie doch bei uns, wir verstecken sie!“, sagte er:“ Ich bin jetzt 60 Jahre, meine Kinder sind in Amerika, was soll ich sonst machen und es wird sicher nicht so schlimm werden.“ Ich weiß das noch sehr gut, der Mann hat geweint. Ich war damals vielleicht 9 oder 10 Jahre und hatte noch nie einen Mann weinen sehen. Ich sehe ihn heute noch.

In der Rosmaringasse gab es ein älteres Fräulein Bozenhart. Sie sammelte alles was man nur geben konnte für die KZler. Ein Waldseer SS Mann, Christ, aus der gleichen Straße hat es den Gefangenen zukommen lassen. Er war Wachsoldat in Dachau. Natürlich konnten sie nur bei ganz vertrauenswürdigen Leuten sammeln, das war nämlich sehr gefährlich. Und beide haben keinen Orden dafür bekommen. Aber wenn einer sagt, er wüßte nicht, dass es ein KZ gegeben hat, kann ich nur sagen: Ich wußte davon mit meinen jungen, vielleicht zehn Jahren!

Es war Krieg und Spielzeug gab es nicht! Aber Kinder suchen sich dann halt welches und sonst haben wir immer zugeschaut, wenn am Karles Teich die Rekruten ausgebildet wurden. Dort wurden 3.000 Schuss aus der MG abgefeuert. Der Lauf ist dann heiß und muss schnell ausgewechselt werden. Die Rekruten haben das natürlich noch nicht so oft gesehen wie wir. Deren Ausbildung betrug sechs Wochen bis zum Fronteinsatz. Also durften wir Buben den Lauf wechseln und das in einem tollen Tempo. Dafür durfte dann derjenige, der gerade dran war, einen Stoß abgeben (also feuern). Als ich 13 oder 14 Jahre alt war, bekam ich ein Holzzügle – man kann sich nicht vorstellen, wie glücklich ich darüber war!

Es gab ja in den Geschäften beinahe nichts mehr, schon gar nicht im Schaufenster. Also war Platz für Plakate und davon gab es zweierlei: Eines galt dem Untermenschen, den Juden – daran kann ich mich nur noch schwach erinnern. Das andere war der „Kohlenklau“. Es war ein Mann mit einem Sack Kohlen auf dem Rücken, nur leicht gefüllt. Das Gesicht war natürlich jüdisch, gemein, mit einer großen Hakennase und im Hintergrund ein offenes Fenster, durch das die warme Luft entwich. Das war an sich gut gemeint und sollte zum Sparen anregen, doch bei dem extremen Mangel von Kohle war jeder schon selbst ein Spezialist für’s Sparen. Die Nebenaussage war eben gegen die Juden, mit dem Unterton: „diese gemeinen heimtückischen Untermenschen muss man beseitigen“.  So wurde alles, was negativ war, immer den Juden zugeschoben. Und wie das Fleisch und Blut übergegangen ist, erzähle ich an einem Beispiel. Vor etwa zehn Jahren (1980er Jahren) führte ich ein Gespräch mit einer Frau aus Frankfurt. Sie sagte: „Ich war neulich zu Hause und hab mal wieder meine alten Freunde besucht, dabei ging ich an einer Stelle plötzlich schneller. Ich wunderte mich, dass dies so war. Beim Nachdenken, stellen Sie sich vor, ist mir eingefallen, da wohnten Juden früher in den Häusern.“ Es war eine lange Zeit der Nachwirkung der Propaganda.

Die Eroberer/Befreier waren ja sehr erstaunt, dass sie von der Bevölkerung nicht als Feinde angesehen wurden. Der Volkssturm war meist aus alten Krieger zusammengestellt, die schon mal einen Krieg verloren hatten und wussten, was auf sie zukommt. Und sie hatten überlebt, weil sie nicht bis zum letzten Tropfen Blut kämpften.

Die Bevölkerung war ausgehungert und wartete sehnlichst darauf, dass es endlich wieder besser werde. Schlimmer ging es ja nicht mehr. Was mich aber damals sehr nachdenklich gemacht hatte, war, dass man doch den Übergang kopfmäßig schon vollzogen hatte. Dabei beschäftigte man sich mehr mit der Zeit danach. Es war die Zeit der Prognosen, wie man heute sagen würde. Immer wenn man nicht mehr weiter weiß, lebt man davon, das weiß ich seit dem.

Dabei kamen die geheimen Schriften genau richtig. Ich habe sie schon erwähnt. Sie werden vollgestopft mit Verhaltensregeln, wenn der Fall dann eingetreten ist. [Einmarsch der Alliierten] Und dann die Warnung vor der „Gelben Gefahr“, die da mit großer Sicherheit kommen würde. Ach ja, …

Lederschuhe, das war schon ganz was besonderes. Damit sie länger halten, sind sie mit Nägeln an den Sohlen bestückt worden. Vorne an der Kappe gab es dafür einen extra Eisenbeschlag. Mit solchen Luxusschuhen ausgerüstet mussten wir leise in den Gängen der Schule ganz leise gehen, wo alles gefließt war. Nur ein SA Mann durfte stampfen, dass es knallte. Wir bekamen dafür aber Schläge und das nicht zu knapp. Der Hit waren Holzschuhe. Sie waren warm wegen der dicken Holzsohle, die zweimal durchbrochen waren, so dass sich der Fuß einigermaßen abrollen ließ. Darüber war nur ein Segeltuch auf die Holzapantienen gestanzt. Auf solche einfach Schuhe musste man aber Monate lang warten – bzw. auf den Bezugsschein. Ohne den, gab es gar nichts.

Als die Franzosen bei uns einmarschiert waren, war das Thema Werwölfe ein paar Wochen lang groß. Die Franzosen hatten große Angst davor und kamen in die Schulen, die schnell wieder funktionierten. Ein paar alte eingefleischte Nazis hatten vielleicht eine vage Hoffnung, es könnte sich vielleicht doch noch was tun. Der Einzige in Waldsee, der in dieser Richtung dachte, war der Besitzer des späteren Elektroladens beim Wurzacher Tor, hinter der Bäckerei Gueter. Selbst der hat schnell eingesehen, dass es dazu nicht mehr kommt. Er wurde aber von mindestens vier Männern dauernd bewacht. Über das Thema Werwölfe haben wir nur gewitzelt.

Nach dem Krieg gab es eine Zweitwährung, das waren Zigaretten. Für Zigaretten hat man alles erhalten. Man hätte meinen können, sie wären wertvoller als Gold. Und weil Tabak so rar war, hat man überall Ausschau danach gehalten. Selbst die Kippenstummel waren noch umtauschwürdig. Es hat uns junge Burschen überhaupt nicht gefallen, dass vor allem ältere Männer sich so selbst herabwürdigend verhielten und quasi den Dreck auf der Straße auf lasen.

Vorher waren die Deutschen eine Herrenrasse, jetzt spielten sich die Franzosen (Besatzer) so auf. Sie zündeten eine Zigarette an und warfen sie weg. Dann stürzten gleich die in der Nähe stehenden Männern darauf. Wenn wir das sahen, haben wir die Kippe so zertreten, dass sie nicht mehr zu gebrauchen war.

Zigaretten in der Packung wurden „Aktive“ genannt und die anderen waren „Selbstgedrehte“. Jeder hat in seinem Garten Tabak angebaut – das Kraut hieß dann „Siedler-Stolz“.

Die Offiziere der französischen Armee brauchten ja Raum zum Wohnen, also gingen sie auf die Suche. Wenn ihnen eine Wohnung gefiel, mussten die Leute darin ausziehen – binnen einer halben Stunde oder weniger mussten sie alles nötige zusammenpacken. Aber keine Gabel, kein Messer oder ähnliches durfte mitgenommen werden. Es musste alles so bleiben wie bisher.

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