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Oberschwaben im Krieg II – Bomben & Volkssturm

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Das Leben im zweiten Weltkrieg in Oberschwaben: Ein Erfahrungsbericht meines Vaters zum Leben damals – Teil zwei: Bomben und der Volkssturm.

Den Anfang des Erfahrungsbericht Teil 1 habe ich bereits veröffentlicht, dabei ging es um den Kriegsbeginn und den Alltag im eskalierenden Krieg.  In diesem Teil geht es um die Bomben auf Oberschwaben und den Volkssturm während des zweiten Weltkrieges, das letzte Aufgebot. Dieser Bericht stammt von meinem Vater, der seine Erlebnisse aus dieser Zeit aufgeschrieben hat.

Nazis in Bad Waldsee 1933

Erfahrungsbericht: Als die Bomben auch über Oberschwaben fielen

So langsam wurde auch bei uns der Krieg deutlicher. Es flogen riesige Geschwader von Bombenflugzeugen am Himmel. Sie wurden anfangs von „Jabo’s“ begleitet, das waren Jagdflugzeuge, die die Formationen vor deutschen Flugzeugen oder Flak geschützt haben. Die Flaks waren meist Vierlingsgeschütze, also ein Geschütz mit vier Läufen und vier mal so groß wie eine MG (Maschinengewehr).

Auf den Flaks waren meistens 16-jährige als Flakhelfer. Sie sind gefallen wie die Fliegen. Auch Frauen waren dort im Einsatz, meist aber zum Zwecke der Betreuung. Wenn eine Frau eine Flakhelferin war, so hat sie dies nach dem Krieg gänzlich verschwiegen – sonst hätte sie keinen Mann mehr bekommen. Ist es später rausgekommen, war sie gesellschaftlich erledigt.

Ab und zu hatte ein solches Flugzeug noch eine Bombe übrig. So auch eines, das über den Waggershauser Hof flog. Wir waren gerade beim Drachen fliegen lassen im Kareles Teich. Auf einmal gab es Flugalarm und schon kamen die ersten Flugzeuge. Also schnell den Drachen runter und schon hörten wir das Pfeifen einer Bombe und die traf den Waggershofer Hof. Heute ist der Krater ein schön angelegter Teich [Anmerkung: und der Hof ist der Mostbauer in Bad Waldsee].

Es gab immer zuerst eine Vorwarnung, schon seit 1940 – immer wenn ein Verband die deutsche Grenze überflog. Die Vorwarnzeit wurde ganz schnell reduziert, bis ungefähr auf fünf Minuten vor dem Eintreffen der Bombenverbände.

An einem Sonntag, als die Kirche gerade vorbei war, wurde der Aulendorfer Bahnhof wieder einmal angegriffen. Da drehten sich die Jabo’s (Jagdflugzeuge der Alliierten) und feuerten auf die Leute, die aus der Kirche kamen. Es wurde keiner verletzt, weil alle rechtzeitig in Deckung gegangen sind.

Einmal hatten wir um ca. 10.30 akuten Fliegeralarm. Also mussten wir sofort geordnet in den Luftschutzkeller. Dabei mussten wir an der Haustür vorbei, also sind wir rausgeflüchtet. Davon überzeugt, dass nichts passieren würde sind wir dann in Richtung Rotes Haus geflüchtet. Dort gab es damals noch die alten Loren, also Eisenwagen, die Torf transportierten. Auf einmal eröffnete ein Jabo sein Maschinengewehr-Feuer über uns. Wir waren wirklich der Meinung, die würden uns, die paar Buben, beschießen…

Also, der Krieg kam näher. Das spürte man auch bei den Gefangenen Russen, Polen, Mongolen und so weiter. Meine Mutter war wirklich eine Seele von einem Menschen und auch sehr gläubig. Sie verhielt sich nach dem Motto „Was Du dem Ärmsten meiner Brüder gibst, hast Du mir gegeben“ – so hat Jesus gesprochen. Also half und gab sie, so viel sie nur konnte. Dafür hat ihr dann ein Russe, der einen stark mongolischen Einschlag hatte, erklärt: „Du warst immer gut zu uns, dafür werden wir Dich und Deine Familie gleich töten und nicht lange leiden lassen.“ Einer der Russen hat sich mit Tränen in den Augen bedankt. Er war aus Moskau und Bänker und sprach gutes Deutsch: „Ich würde ja gerne hier bleiben, aber ich darf nicht – wir kommen bestimmt alle nach Sibirien. Wir haben zu viel gesehen.“

Meine Eltern, speziell mein Vater hörte nun jeden Tag Radio Beromünster (Schweiz) und zwar so leise, dass er das Ohr an den Lautsprecher legen musste, um etwas zu hören. Und die Hand am Drehknopf, um die Frequenz zu verstellen, falls je einer kam. Dort war dann in Schweizer Dialekt zu hören: „Amerikanische Bombardierungsflugzeuge haben…“ ; so der Anfang.

[Wegen der Luftangriffe mussten die Lichter in den Häusern gelöscht werden.] Die Schweizer haben keine Verdunklung gebraucht, im Gegenteil – sie haben die Fenster hell erleuchtet. Im Anblick dessen, dachten wir Kinder, dass das, das Paradies sein muss.

Mein Bruder war in Friedrichshafen in der Lehre in einer Bäckerei. Diese Stadt wurde, da dort der Dornier Rüstungsbetrieb war, zu über 90 Prozent zerstört. Und keiner wurde da mehr evakuiert, wie zuvor aus den großen norddeutschen Städten. Sie hausten weiter in den Löchern und jede Scheune gab ein Dach ab.

Wir wussten, dank der Nachrichten aus der Schweiz, genau wo die Amerikaner und Franzosen waren. Der Rückzug war anfangs sehr geordnet, aber bald waren es tagelange und völlig verwirrte Formen des Hastens. Der eine Soldat trug eine MG, der Andere war leicht verwundet und wiederum ein Anderer ging an Krücken. Es waren verschiedene Uniformen der Wehrmacht – Piloten, Seemänner, Panzer, Soldaten ohne Panzer und die SS; sie fragte alle nach dem Weg. Von Bad Waldsee nach Haidgau über Wurzach nach Memmingen sollte der Weg führen. Und dann waren da noch die KZler – das waren vielleicht arme Säue mit ihren gestreiften Anzügen und mager und daneben die SS. Die SS war, bei Gott, sehr gefürchtet und das war auch gewollt. Die hatten keine Beschränkungen.

Mein Vater bekam die Aufforderung sich beim Volkssturm zum Appell zu melden. Um so und soviel Uhr an einem Sonntag. Obwohl in Waldsee gerade noch drei Bäckereien waren [Anmerkung: Er war Bäckermeister]. Meine Mutter war verzweifelt, doch mein Vater sagte: Keine Angst, Militär bleibt Militär ob 1918 oder 1945 – die Strukturen sind immer die gleichen.

Also ging er gut gelaunt zum Appell, mit EK 2 (Eiserne Kreuz) an seiner Brust. Er konnte nur schwer laufen, da er eine geschundene Hüfte hatte. Sie mussten sich aufstellen und es ertönte die Aufforderung: „Wer meldet sich freiwillig?“ Diejenigen die vor traten waren die 100prozentigen Nazis, die mal Parteigenossen hießen, kurz PG. Er hat uns das genau erzählt und dabei gestrahlt, dass sich das eben nicht verändert hat. Also: Er trat vor, schweren Ganges, gestützt auf den Stock. Schneidig-Forsch wurde er befragt. Er hatte darauf hingewiesen, dass er im ersten Weltkrieg eine Auszeichnung und so weiter bekam und es nicht erwarten könne, loszulegen. Der Offizier wusste nicht was er mit diesem Mann anfangen sollte. Also schickte er ihn zur Untersuchung zum Militärarzt. Dieser sah ihn an, hob seine Brille und grinste verschmitzt – es war der Einzige, der ihn durchschaut hatte.

Nach der Untersuchung kam der Arzt auf ihn zu und sagt in einem kollegialem Ton: „Sie sind natürlich nicht tauglich, aber sagen sie mal, sie haben eine Narbe am 12 Finger-Darm, das ist ja unglaublich.“ Mein Vater war sehr krank und hatte sich des Öfteren auf dem Boden gewälzt vor Schmerzen, so meine Mutter.

Als es wieder einmal so weit war, kam gerade eine Zigeunerin zum Betteln und sagte: „Na Meister?! … Wenn Du von von jetzt an nur das trinkst, was ich dir sage, hast Du noch eine Chance. Es war nur warmes Wasser mit etwas Natron und etwas Essig versetzt; und noch ein paar Dingen. Mein Vater hat sich daran gehalten und das Geschwür ging zur Gänze weg! So gut gelaunt hab ich meinen Vater selten gesehen, wie damals als er nach dem Appell zum Volkssturm heim kam.

Obwohl mein Vater sich nicht geweigert hatte zum Volkssturm zu gehen, stand er auf der Liste von Männern, die in Bad Waldsee erschossen werden sollten. Es ist wirklich schon lange her und manches bring ich nicht mehr zusammen…

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