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Oberschwaben im Krieg I – Der Anfang

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Wie war das Leben in Oberschwaben, konkret in Bad Waldsee, im zweiten Weltkrieg. Ein Erfahrungsbericht in Teilen, der in den kommenden Artikeln komplettiert wird.

Wie war das mit dem zweiten Weltkrieg in Oberschwaben? Das Ende des Krieges in Bad Waldsee ist bereits beschrieben, doch wie fing es an? Ein Erfahrungsbericht meines Vater gibt einen subjektiven Eindruck von dem Leben damals im Ländle. Wenn also folgend von „Vater“ gesprochen wird, ist mein Opa gemeint.

Bad Waldsee 1939 NS Show

Bad Waldsee 1939 NS Show

Erfahrungsbericht: NS-Zeit und Kriegsanfang in Oberschwaben

Es war im Sommer 1939: Täglich war Lkw-Verkehr als Militär unterwegs und zwar mit steigender Tendenz. Mein Vater, der im ganzen ersten Weltkrieg war, (Baujahr 1889), kam vom Frühschoppen am Sonntag heim und verkündete meiner Mutter: „Es wird Krieg geben“. Obwohl die Aussage im Radio etwas anderes meinte.

Man hörte den Nachrichten aufmerksam zu, um die kleinen Unterschiede [zum ersten Weltkrieg] zu entdecken. Zu der Zeit sagte man, ja – es war ein geflügeltes Wort: „Man muss zwischen den Zeilen lesen“. Sogenannte Sondermeldungen verfolgte man im Radio.

So sagte mein Vater bei einer Sondermeldung: „Jetzt ist es Krieg“. Es war der Einmarsch in Polen – gegen Russland? Vielleicht war es auch nur der Einmarsch ins halbe Polen.

Ich war zu der Zeit noch keine sieben Jahre alt, aber die Sorgen, die meine Eltern um die Zukunft hatten, waren ganz erheblich. Ich habe damals bitterlich geweint, sodass ich auf dem Arm getröstet werden musste – das weiß ich noch ganz genau. Tage später hörte ich überall, wie die Erwachsenen – die jetzt immer beieinander standen – sagten, „das geht nicht lange – maximal 14 Tage bis drei Wochen – wir machen das schon!“

Das große Geschäft machten nun die Schreibwaren-Geschäfte mit Europa Landkarten. Ich würde sagen in ca. 80 Prozent der Wohnungen hing so eine Karte – mal groß mal klein. Meistens jedoch in der Größe von einem auf einen Meter. Dazu gehörten auch bunte Stecknadeln und ein roter Faden, mit dem man Anhand der Nachrichten, die HKL (Hauptkampflinie) nach steckte. Mein Vater hat das nicht gemacht, wir durften nur im Atlas nachsehen. Nach seiner Erfahrung aus dem ersten Krieg stimmten die Daten sowieso nicht und den „Braunen“ glaubte er kein Wort. Zu den Karten ist noch zu sagen: Sie hingen nur bis ca. 1944 an der Wand. Ab diesem Zeitpunkt ging es nur noch rückwärts, sodass auch der Letzte um die Konsequenzen wusste.

Seine erste Erfahrung mit diesen „Braunen“ machte mein Vater bei der Wahl 1933 (?). Da kamen zwei SA-Männer in Uniform mit der Wahl-Liste ins Haus. Sie legten die Liste auf den Tisch, zeigten, wie man sein Kreuzchen macht und blieben stehen. Da mein Vater dem nicht sofort nach kam, zeigten sie ihm erneut wo er sein Kreuz machen sollte. Darauf hin haben meine Eltern gesagt, machen sie es doch selbst und haben sich entfernt. So haben die beiden SA-Männer selbst schnell das Kreuzchen gemacht. Auf meine Nachfrage, ob mein Vater es nicht doch hätte selbst machen sollen, sagte er: „Die waren doch schon überall drin“ und er hätte sowieso keine andere Wahl gehabt. Der ganze Beamtenapparat war braun.

Der Alltag des Krieges war bei uns im Hinterland [Bad Waldsee] kaum zu bemerken. Einzig die zunehmende Zahl der Bombengeschädigten, zeigte uns, dass der Krieg zunahm; auch im Hinterland.

Die Flur-Prozession am Himmelfahrtstag (Vatertag) führte direkt am Haus des wichtigsten NS-Mannes vorbei, den Titel weiß ich nicht mehr [Haselmaier?]. Er wurde im Kloster erzogen und wollte Priester werden, doch dann hat er sich für die Partei Hitlers entschieden. Er war ein Hardliner, wie man heute sagt und sehr gefürchtet. So wurde ausgemacht, dass die jungen Männer beim Vorbeimarsch besonders laut beten oder zu singen beginnen [als Zeichen des Widerstands]. Du wirst es kaum glauben, aber das erforderte schon eine gute Portion Mut. Daraufhin wurde die Prozession auf der dieser Straße verboten und musste verkleinert werden. Und die jungen Männer mussten mit dem vorzeitigen Einzug ins Feld (zu den Soldaten) rechnen.

In Waldsee gab es nur wenige evangelische Christen. Sie waren dem Hitler Regime mehr zu getan, als die Katholiken. Bei ihnen gab es keinen Widerstand, sie hatten meistens auch die Posten in der Gemeinde besetzt. Und man hat sie mit äußerster Vorsicht behandelt. So viel ich weiß, war der oben genannte, der einzige Katholik bei den Nazis.

Mit zehn Jahren kam man zur Jungenschaft, das war die Vorstufe zu HJ – zur Hitlerjugend kam man ab 14 Jahren. Um die Katholiken zu ärgern wurde am Sonntag Dienst angesagt, das hieß Exerzieren auf der Hochstatt um 9 Uhr und in Uniform natürlich. Gekommen sind wir nach dem Hochamt, also um ca. 10.15 Uhr. Und natürlich ohne Uniform – und das ohne Ausnahme. Da fällt mir ein, beim ersten Exerzieren, habe ich folgendes Problem gehabt: Beim Befehl „rechts rum“ war ich der Einzige der in die andere Richtung stand. Mein erster Gedanke war: wieso stehen die alle falsch herum. Ein Schrei hat mich dann eines anderen belehrt.

Wenn Soldaten auf Urlaub heim kamen, war man natürlich sehr wissbegierig und hat sich anschließend sein eigenes Bild gemacht. Die Soldaten durften etwas mehr sagen, als Zivilpersonen. Man hat sie aber schnell darauf aufmerksam gemacht, falls dies geschah.

In eine Gaststätte konnte man nicht mehr gehen, so die Aussage meiner Eltern. Denn dort saß immer einer, der alles notiert hat. In der Kirche war auch einer – anfangs in zivil und später in Uniform  – und passte auf, dass nichts falsches gepredigt wurde. Das Aushorchen war gut organisiert und sorgte für Misstrauen.

Zum Beispiel hat der alte Herr Huber mit seinen zu der Zeit ca. 50 Jahren, hatte eine Frau die dick und fett war. Dort bekam er zu wenig zum Essen und kam hungrig zu uns, um mitzuessen. Selbst diesem Mann hat mein Vater nicht getraut. Auf die Frage nach dem Schweizer Sender Beromünster, war die Antwort: das gibt es bei uns nicht oder das Radio kaputt.

Bei zunehmender Kriegszeit sah man immer öfters einen SA Mann auf dem Fahrrad herum fahren. Das hieß immer, es ist wieder einer gefallen. Das lief dann so ab: Der SA Mann klingelte an der Tür und beim Öffnen stand der Mann stramm und hob die Hand zum Hitlergruß. „Heil Hitler! Ihr Sohn (Ihr Mann) ist auf dem Felde der Ehre für Führer, Volk und Vaterland gefallen. Ich gratuliere Ihnen!“ und nach erneutem Heil Hitler Gruß, übergab er dann die Papiere. Danach setzte er sich auf das Fahrrad und weg war er. Die Frau oder Mutter durfte kein Wort der Kritik äußern – auch nicht im Geringsten, ja nicht ein Mal weinen. Sonst hätte es vielleicht noch Konsequenzen gehabt. Gefürchtet waren nicht die Wehrmachtssoldaten, sondern die Männer von der SS mit ihren schwarzen Uniformen.

Der nächste Teil des Berichts folgt demnächst auf Oberschwaben-Tipps.de!

One Response to Oberschwaben im Krieg I – Der Anfang

  1. Joe 4. Juli 2016 at 23:30 #

    Hallo,

    sehr sehr interessanter Bericht, ich würde gerne wissen wo es genau später zum aufeinandertreffen zweier Truppen kam.
    Das wäre mir sehr sehr wichtig zu wissen.
    Hoffe das sich villeicht jemand meldet.

    Grüße

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