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Kriegsende 1945 in Oberschwaben & Bad Waldsee

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Im Mai feiert man das 70jährige Jubliäum der Befreiung vom Nazi-Terror, wie lief das in Oberschwaben? Eine spannende Geschichte dazu gibt es aus Bad Waldsee!

Im Jahr 1945 endete der zweite Weltkrieg offiziell in Europa, der 8. Mai gilt als Tag der Befreiung. Auch Oberschwaben wurde befreit, bereits im April 1945 wurde die deutsche Armee zurückgedrängt. Die Alliierten Truppen kamen im Norden von Baden über den Rhein und drangen von Nordwesten her aus dem Raum Karlsruhe/Heilbronn nach Südosten. Es waren die  französischen Truppen, die nach Oberschwaben vorrückten.

Nazis in Bad Waldsee 1933

In dieser Zeit hatte der Diktator Adolf Hitler das letzte Aufgebot – also die Hitlerjugend – in die sinnlose Schlacht geschickt. Die Versorgungslage der Zivilbevölkerung war katastrophal und in diesem Abschnitt des Krieges starben die meisten Menschen. Bei so ziemlich allen Kirchen in Oberschwaben findet man die Namen der Gefallenen der beiden Weltkriege.

Die Offensichtlichkeit des Kriegsendes war aber bei den überzeugten Nazis nicht angekommen, sie wollten bis zum letzten Mann kämpfen, auch in Bad Waldsee, doch das wussten einige zu verhindern.

Nazis im Rathaus Waldsee

Das Ende des Krieges in Bad Waldsee

Das Ende des Krieges in Bad Waldsee, damals noch Waldsee, ist eine spannende Geschichte. Eine Melange aus Glück, Timing und Mut. Es war im April 1945, also vor 70 Jahren. Die französischen Truppen waren am 20. April bis Aulendorf vorgedrungen und in Bad Waldsee breitete sich die Panik aus, nicht nur vor den französischen, auch vor den deutschen Truppen. Aber ebenso vor der gefürchteten Gestapo, der „Geheimen Staats Polizei“, die für ihre Brutalität und Kaltherzigkeit bekannt war.

Der damalige Ortsvorsteher, Alfons Haselmaier, und der Bürgermeister Hegele, waren – um es in der Sprache der damaligen Zeit zu sagen – 150prozentige Nazis, so zumindest formulierte es mein Vater immer. Haselmaier war der Quasi-Bürgermeister, da Hegele an der Propaganda Front arbeitete und aus Waldsee weg verlegt wurde. Haselmeier drohte mit dem Einmarsch der Gestapo, für den Fall, dass die Bevölkerung nicht zum Kampf bereit sei. Dann würde man die Hälfte der männlichen Bevölkerung an die Wand stellen.

Die Naziführung hatte zunächst den Plan bis zum letzten Mann zu kämpfen, doch im Angesicht der  Franzosen in Aulendorf, flüchtete er bald aus der Stadt. Auf seinem Schreibtisch hinterließ er am 23. April 1945 einen Zettel mit der Aufschrift: „Habe mich befehlsmäßig um 5.30 abgesetzt“. Wohin wußte niemand, aber man war durchaus froh über diesen Schritt.

Rund 120 Soldaten eines Ersatz-Battaillons waren in der Stadt stationiert. Es waren vor allem junge Männer aus der Hitler-Jugend, die gerade erst zu Offizieren ernannt wurden; aufgefordert einen Häuserkampf zu initiieren. Vermutlich waren diese von Saulgau kommend im Grenadier-Ersatz-Bataillon 358, das zuvor mit einer Ausbildungseinheit zu einem Bataillon zusammengeschlossen wurde. Zudem waren Volkssturm-Einheiten dabei, Panzersperren zu bauen.

Am selben Tag sollte es noch hoch her gehen in Waldsee. Ein paar Bürger der Stadt hatten einen konspirativen Plan vorbereitet, der das Blutvergießen vermeiden sollte. So gingen der Zahnarzt Dr. Haerle und der Malermeister Bertele zum Kommandanten der in Waldsee stationierten Einheit, welcher im Amtsgericht residierte. Dieses Bataillon musste aus der Stadt verschwinden, so der Plan, damit die französischen Truppen die Stadt kampflos einnehmen könnten. Sie redeten auf den Befehlshaber ein, doch dieser sah dies nicht ein. Es war ein waghalsiger Schritt, schließlich hätte man dafür auch hingerichtet werden können.

Man wandte sich anschließend an die Volkssturm-Männer, die zumindest nicht bewaffnet waren. Sie waren davon zu überzeugen und verstreuten sich. Inzwischen sprach sich die Flucht von Haselmaier herum und die Menschen versammelten sich vor dem Rathaus der Stadt. Sie forderten den Abzug der deutschen Truppen. Man hisste sogar die Weiße Fahne, was aber mit Blick auf die immer noch stationierten Truppen problematisch war und sie wieder eingezogen wurde.

So gab es noch eine Verhandlung mit dem Kommandeur der Truppen, doch wieder wollte er seine Truppen nicht abziehen.

Inzwischen hat sich ein Dr. Robert Fluhr zum Bürgermeister ernannt. Er war Kommunist und somit unproblematisch für die neuen Besatzungstruppen. Er war nicht aus Waldsee, hatte hier aber Verwandtschaft. Als die zweiten Verhandlungen mit dem Kommandeur scheiterten, schlug er vor, einen „Fünfer-Rat“ zu etablieren, um die Verwaltung am Laufen zu halten. Der erste Beschluss war gleich gefunden: Waldsee soll nicht verteidigt werden, um die Zerstörung von Stadt und Leben zu verhindern!

Man entfernte die Insignien der Nazis aus dem Rathaus und stellte die Nazi-Oberschaft unter Hausarrest. Verkündet hatte dies der Sprecher der Fünf im Rathaus, Dr. Grimm, welcher es schaffte die Masse zu beruhigen und zu verstreuen. In dem Augenblick, als er fertig war und von dem Tisch herunter trat, auf dem er seine Ansprache hielt, fiel ein Schuss, welcher ihm galt. Die Soldaten drohten der neuen Stadtregierung mit vorgehaltener Waffe. Sie waren „not amused“ über die Maßnahmen und fürchteten wiederum um ihr Leben. Dr. Grimm stellte sich heldenhaft vor sie und garantierte deren Unversehrtheit – so sollte es auch kommen.

Dass die Gestapo nicht zum Einsatz kam, ist einem Polizeibeamten zu verdanken: Hauptmann Diesch telefonierte mit der Gestapo in Ravensburg, welche danach nicht mehr nach Waldsee kommen wollte.

Am Tag danach machte ein Gerücht die Runde und sorgte für Unruhe in der Bevölkerung von Waldsee: Haselmaier sei wieder da! Tatsächlich war er wieder gekommen, aber nicht ins Rathaus, sondern ins Amtsgericht, wo das Militär saß. Er versuchte seine Flucht als Befehl auszugeben, der obskure „Caesar-Nero“ Befehl. Doch hätte er dann einen Nachfolger bestimmen müssen, was nach Anfrage beim vermeintlichen Stellvertreters nie geschah. Ob dies aus Angst ob der neuen Lage geschah, oder tatsächlich der Fall war? Auch hierbei ging es um Leben oder Tod, ein Standgericht war schnell gehalten.

So wurde Haselmaier der Vorwurf der Flucht gemacht. Wie er sich da heraus redete ist nicht überliefert, nur dass er danach in die Wehrmacht eintrat. Haselmaier, zusammen mit allen Truppen der Wehrmacht, verließ Bad Waldsee, was Hauptmann Deisch nach Verhandlugen mit dem Kommandanten erreichte.

Gleich danach entschloss sich Dr. Haerle die Franzosen davon in Kenntnis zu setzen, dass in Waldsee keine Truppen mehr stationiert sind und dass man gleich einmarschieren soll.

Schon am selben Abend rollten die französischen Befreiungstruppen in Bad Waldsee ein, ohne dass ein Schuss fiel. Doch es sollte noch einen kritische Punkt geben: Sind alle in der Bevölkerung damit einverstanden? Der retardierende Moment.

Die Panzer von Aulendorf kommend, fuhren durch die Altstadt und ein junger Fanatiker hatte eine Panzerfaust in der Hand. Er positionierte sich gegenüber dem Optiker Stärk und zielte auf die Panzer. Doch er traf die gegenüberliegende Häuserwand, die brannte. Auch am Stadtrand wurde gekämpft. 20 Minuten lang dauerte das sinnlose Gefecht.

Bekanntmachung der franzoesischen Militaerregierung

Fortan herrschte das Chaos. Die französischen Truppen forderten die Bevölkerung auf, alle Türen offen zu lassen. Es kam unter anderem zu zahlreichen Gewalttaten, Morden, Vergeltungsmaßnahmen und Vergewaltigungen, die hauptsächlich von französischen Truppen ausgingen. Nach 19 Uhr herrschte Ausgehverbot, Wirtschaften blieben geschlossen und alle Schusswaffen mussten abgegeben werden. Wer dagegen verstieß wurde erschossen. Dies galt für ganz Oberschwaben. Viele vergruben ihre Waffen, auch mein Großvater tat dies, warum auch immer. Er wurde jedoch nicht erwischt.

Noch bis zum Juli sollten unglaubliche Umstände herrschen, doch dann kehrte wieder eine Ordnung in Waldsee ein, was nun Teil der französische Besatzungszone war.

… und der Rest ist Geschichte 😉